Alles hat seine Zeit

Um die Weihnachtszeit herum habe ich die alte Verfilmung von „Momo“ gesehen. Die schöne, heile Welt im Amphitheater vor den Toren der italienischen Stadt wird durch die Grauen Herren, die den Menschen die Zeit stehlen, nach und nach grau. Und vor allem hektisch. Momo´s Freunde haben keine Zeit mehr, und sie wird einsam und traurig. In dem Moment zupft die Schildkröte Cassiopaia an Momo´s Rock, und deutet ihr, dass sie mitkommen soll. So gehen Momo und die Schildkröte Cassiopaia in ihrem eigenen, seeehr langsamen Tempo durch die hektische Stadt: alles rast an ihnen vorbei, doch die beiden gehen. Sicher und geruhsam. Schritt für Schritt. Momo bietet Cassiopaia an, sie könne sie doch einfach auf dem Arm tragen, dann ginge es schneller. Aber das geht nicht. Sie MÜSSEN in Cassiopaia´s Tempo gehen, sonst kommen sie niemals bei Meister Hora, dem Meister der Zeit, an! Und sie kommen an. Gerade rechtzeitig vor den Grauen Herren.

So ging es mir, als wir vor 2 Wochen in Hildesheim endgültig unsere Reise begangen. Es war bitterkalt, und unser Ziel war es, auf dem Weg nach Portugal möglichst schnell in Gegenden im zweistelligen Temperaurbereich zu kommen. Also entschieden wir uns für die „Sonnenroute“: Freiburg, Dijon, Lyon, Avignon, Barcelona. Jeweils eine Nacht, dann weiter. Die Pyrenäen, die Bergdörfer, alles rauschte an uns vorüber. Ins Warme, bloß ins Warme. Irgendwann stiegen wir südlich von Barcelona auf einem kleinen Stellplatz am Meer aus, rundherum Ruhe, rundherum kaum Menschen. Es war mild, die Schultern hingen entspannt. „Lass uns bleiben, weiter alles sacken lassen. Mal ein paar Tage stehen bleiben.“, war mein Wunsch. Und es tat so gut! Es war, als ob ich selbst erstmal hinterher gekrochen komme. Wir finden weiter beide unser Tempo. Und werden im Reisen langsamer. Besser gesagt, wir passen uns unserer inneren Geschwindigkeit an. Das alles, was wir in den letzten Monaten entschieden haben, was wir erlebt und erfahren haben, braucht Zeit, seinen Platz in uns zu finden.

Im Naturpark L‘ Albufeira, wenige Kilometer südlich von Valencia gelegen, leben Schildkröten. Ich hätte sie sehr gern in der freien Natur gesehen. Aber sie machen ihren wohlverdienten Winterschlaf, schön muckelig eingegraben im Sand der Dünen. Sie wissen, wann es Zeit ist, aufzuwachen. Wann es Zeit ist, zu gehen, zu ruhen, zu essen. Viele sind hochbetagt. Sie haben ihre eigene Zeit. Sie zu beobachten, entschleunigt. Sie sind zu meinen Zeit-Coaches geworden: Mein Tempo finden, und es aber auch immer wieder wie einen Leuchtturm vor meiner Nase behalten.

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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Karin Senft
    23. Februar 2026 9:43

    Wow, Wahnsinn, was ihr da macht. Wie toll. Alles Gute euch! Und ja, das Tempo, die Schildkröten…. Heute früh ist der Naturschulserver ausgefallen, seit Ewigkeiten will ich eure Seite erkunden…. Manchmal ist dann für etwas genau die richtige Zeit. Liebe Lotte, ich denke so oft an dich wenn ich rund um Wülmersen unterwegs bin – deine wunderbaren Landschaftsreisen! Ich werde nun sicher öfter hier vorbeischauen. Herzliche Grüße von Karin

    Antworten
    • Vielen Dank, liebe Karin! Wie schön, von dir zu lesen und zu hören! Oh ja, die Landschaftsreisen, sie haben mich immer wieder neu inspiriert. Wir freuen uns sehr über dein Feedback! Ja, das ist echt eine Reise für uns. Mit allen Facetten, und sehr reichhaltig. Und wohin geht deine nächste Reise?

      Antworten

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