Tagebuch

Bei unserem neuerlichen Stop am Hildesheimer Hohnsensee saß ich an einem lauschigen Sommerabend am Ufer und bestaunte die Fledermäuse. Sie jagen in einem Affenzahn und mit Schallgeschwindigkeit durch die Abendluft und das in Scharen, ohne dass sie dabei zusammenstoßen. Sie streifen sich nicht einmal. Und die Mücken, die sie jagen, tun das auch nicht. Sie bewegen sich in der Luft, wir uns halt am Boden. Sie da oben, wir da unten. Beide leben wir in einem Schwarm, der Sicherheit und Verlässlichkeit gibt und dem es gleichzeitig auszuweichen gilt. Jedenfalls ist bei Fledermäusen nicht von softem „durch die Luft gleiten“ oder Schweben die Rede. Schon allein vom Zugucken bekomme ich Herzrasen, und mir wird schwindelig.

Anders dagegen die Bonbons am Himmel vom Lac d´Annecy im Haute Savoie, unweit des Genfer Sees. Für sie scheint dort oben die Zeit still zu stehen. Getragen allein durch die bewegte Luft, gleitend, lautlos, zeitlos, ohne doppeltem Boden. Sie haben etwas farbenfroh Erhabenes, über den Dingen schwebendes, und bestimmt sehen sie mehr als den Horizont: Den schneebedeckten Mont Blanc und seine majestätischen Gefährten mit ihren versteckten Seitentälern? Den Lac d´Annecy in seinem unfassbar türkisfarbenen Blau? Ein Sprung aus fast 1.400 m Höhe, direkt in die Thermik, ohne Gehäuse, ohne Motor, und dein Leben legst du für 45 Minuten in die Hände eines dir unbekannten Menschen. Würdest du?

Ich bin ein erdverbundenes, bodenständiges Wesen. Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach. Und seit der Geburt unserer Tochter wird mir auf dem Dreier im Freibad gefährlich schwindelig, wo ich früher heidiwitzka und holladiewaldfee runtergejohlt bin. Ich bin vorsichtiger geworden, achtsamer, ehrfürchtiger vor dem Leben, vor mir. Aber auch „vernünftiger“? Kenne ich meine Grenzen, um meinen Mut auszuhalten? Seitdem wir unterwegs sind, lerne ich sie jeden Tag immer wieder kennen und ja, sie haben sich gehörig in die Weite verschoben. Zum Glück! Es ist wie mit der berühmten Treppe: hast du die erste Stufe genommen, kannst du auch die nächste gehen, und noch höher und noch weiter. Und wenn du oben angekommen bist, gehst du ebenso achtsam wieder runter. Übermut kommt halt vor dem Fall.

Aus der Luft gegriffen war meine Entscheidung, den Tandem-Paragliding-Flug am Lac d´Annecy zu buchen, also definitiv nicht. Aber bestimmt waghalsig. Bei meinem ersten Flug ist es bei uns unten am See schwirrende 36 Grad heiß, blanker Himmel, aus meiner Sicht bestes Flugwetter. In den Serpentinen rauf zur Absprungkante am Col de la Forclaz sagt ein Pilot, dass die Thermik heute schon heftig sei, aber „No problem“. Der Boden heizt sich sehr stark auf, so dass der Temperaturunterschied zu den mittleren und höheren Luftschichten sehr groß ist. Das bedeutet starke Thermik mit vielen plötzlichen Luftlöchern und starken Aufwinden. Als wir mit dem Shuttle-Transporter an der Absprungkante ankommen, steht da ein Notarztwagen und ein Gleitschirm hängt in der Tanne. Mir entgleist der Blick, aber der Pilot meint nur lachend: „No no, don´t worry, it´s just a christmastree!“ Sarkastisch auf all diejenigen Soloflieger, die noch am Anfang ihres Flughobbys sind und die chaotische Kraft der Thermik unterschätzen. Scheint öfter vorzukommen, aber er ist doch bestimmt ein alter Hase, …oder? Seit 14 Jahren, sagt er und auf La Réunion, in Kolumbien, aber am schönsten sei es hier.

Ja ach kuck, ok, klar, ist doch schön.

Es wurde, neben dem Heiratsantrag meines Liebsten und der Geburt unserer Tochter, für mich das tiefste Erlebnis bis hierher. An der Kante kam mir der „Wenn es das jetzt war, hatte ich ein tolles Leben“- Gedanke und spätestens da war ich mir darüber bewusst, dass ich meinen Mut werde aushalten können, denn anders wird das hier gleich nicht funktionieren. Und schreien geht ja auch noch. Der Pilot kennt das ja. Er hätte sogar eine Tüte dabei gehabt. Die brauchte ich zum Glück nicht, obwohl mein Magen mehr als irritiert war.

Glück, Angst, Frieden, Weite, Leichtigkeit, Loslassen, und dazu noch das ständige und plötzliche Hoch und Runter hat alles an Adrenalin, Endorphinen und viele andere -inen ausgeschüttet, was ging. Die riesigen Alpen mit ihren Schneekappen, in die grenzenlose Weite, in die saugende Tiefe schauen. Das geht am Boden nicht.

Für den Rest des Tages war ich komplett hinüber, ich konnte buchstäblich nicht wieder geradeaus gucken. Die Welt drehte sich nachts noch. Aber schon am nächsten Tag wanderten wir an der Absprungkante vorbei, und mir war klar: Ich will nochmal.

Der zweite Flug war das Gleiten. Das Schweben. Kein Wind, absolute Stille, Ruhe. Alle Zeit der Welt und alles steht still. Genauso habe ich es mir gewünscht. Danach ging es mir blendend, und das ist tatsächlich aus der Luft gegriffen.

 

 

 

Seit Januar 2026 leben wir in einem Fahrzeug. Klingt ungewöhnlich. Manchen sagen „mutig“, viele sagen „wär’ nichts für mich, aber zu euch passt es“, andere Denken sicherlich „unterwegs mit einer alten Dieselschleuder, na toll“.

Alles stimmt natürlich irgendwie. Mutig war es damals – vor 14 Jahren – ein Haus zu kaufen. Ohne Rücklagen und mit mittelgut bezahlten Jobs in befristeter Anstellung. Unser Plan war damals: Einfach mal machen. Es erschien uns sinnvoller monatlich einen Kredit abzuzahlen und damit immerhin in etwas langfristiges zu investieren, als Miete zu zahlen. Die Hausraten hätten wir noch mit 67 Jahren abgezahlt. Unklar, ob und welchen Job wir dann noch haben. Also, das war schon irgendwie mutig!

„Zu uns passt es!“, haben wir öfter gehört, als wir unseren Entschluss unser Haus zu verkaufen und ins Wohnmobil zu ziehen, kundtaten. Was fangen wir mit dieser Aussage an? Ist das ein Lob, eine versteckte Kritik, Neid, Unverständniss? Wahrscheinlich von allem etwas. Aber ja: Zu uns passt es! Wir machen es uns aber auch passend. Weil wir es in der Hand haben.

Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.

Die „alte Dieselschleuder“ kann man diskutieren. Beim CO₂-Fußabdruck, den wir alle im Leben hinterlassen, gibt es ja verschiedene Faktoren zu berücksichtigen.
Fakt ist: Wir brauchen etwas, was vor 25 Jahren hergestellt wurde, weiterhin auf. Eine lange Nutzungsdauer ist oft ökologisch sinnvoller. Das spart die CO₂-Emissionen der Neuproduktion. Die Herstellung eines neuen Elektroautos verursacht je nach Modell etwa 8–15 Tonnen CO₂, ein großer Teil davon entfällt auf Batterie und Fahrzeugproduktion. Diese Emissionen fallen bei unserem Fahrzeug heute nicht mehr an.
Beim Verbrauch wird es schwieriger: Unser alter Ducato verbraucht ungefähr 10–13 Liter Diesel auf 100 km. Das entspricht etwa 260–340 g CO₂ pro Kilometer allein durch den Kraftstoff. Ein modernes Elektroauto liegt – je nach Strommix – oft zwischen 40 und 120 g CO₂ pro Kilometer. Mit viel erneuerbarem Strom sogar noch darunter.
Wer also sehr viele Kilometer fährt, kann die höheren Emissionen der Herstellung eines Elektroautos im Laufe der Nutzung wieder ausgleichen.
Der entscheidene Unterschied: Wir leben im Wohnmobil. Damit ersetzt die „alte Schleuder „gleichzeitig: Ein Auto, eine Wohnung/ein Haus, Küche, Möbel, laufende Betriebskosten wie Heizung, Strom, etc.
Wir leben nun auf sehr kleiner Fläche, nehmen niemandem Wohnraum weg. Unseren Strom beziehen wir zu 90% aus Solarenergie. Nach und nach stellen wir alle Verbraucher von Gas aus Strom um. So verwenden wir, außer dem Diesel, keinen fossilen Brennstoff mehr.

Ja, stimmt, wir bewegen uns fort und tragen damit zum Vekehrsfluss und zur Überfüllung der Straßen bei. Das ist so. Dabei versuchen wir stets, so umsichtig und schonend wie möglich unterwegs zu sein:

  • unnötige Strecken vermeiden
  • nur Strecken nutzen, die auch für uns vorgesehen sind
  • anderen nicht im Weg stehen
  • offizielle Plätze nutzen und nicht „frei“ stehen
  • die Hauptstrecke nutzen und nicht den Routenvorschlägen der Umleitungen folgen

Reisen bewegt. Immer und überall. Es bewegt nicht nur das Fahrzeug, sondern natürlich auch unser Denken und Handeln. Wir leben auf dieser Welt, um ein Teil von ihr zu sein. Sich die Welt anzuschauen ist ein legitimes Lebensziel. Wir haben ja nur diesen einen Lauf, und der ist oft überraschend schnell zu Ende.
Menschen kennenzulernen, Erfahrungen auszutauschen, Veränderungen zu bewegen ist ein Privileg. Wir haben großes Glück (als Europäer, als Deutsche), mit diesem Privileg auf die Welt gekommen zu sein.
Deshalb gehen wir sorgsam damit um.

Im Februar 2023 habe ich den ersten Beitrag auf diesem Blog veröffentlicht. Uns hat damals der Slogan Unterwegs mit Keks gut gefallen. Hauptsächlich wegen des Reims. Und weil Kekse doch alle mögen.
Seitdem kommen wir immer wieder darüber ins Gespräch, ob unser Hund „Keks“ heißt, oder das Fahrzeug.
Seit wir nun Vollzeit im Wohnmobil unterwegs sind, erscheint uns der Slogan nicht mehr passig. Wir haben zwar weiterhin gerne Kekse bei unseren Wanderungen dabei, möchten aber nicht mehr darüber sprechen, ob wir unser Fahrzeug personifizieren oder wo unser Vierbeiner gerade ist.

Unsere Reise bewegt vieles in und mit uns. Wir bewegen uns.

So sind wir zukünftig mit einem neuen Motto unterwegs:
Aus Unterwegs mit Keks wird Reisen bewegt.

Vor 16 Jahren, also 2010, bin ich Facebook beigetreten. Gesichtsbuch wurde es damals in meiner Umgebung genannt. Davor hatte ich über viele Jahre eine MySpace-Seite. Angelegt habe ich sie, um meine eigene Musik damit zu verbreiten. Auslöser war der Release meines Albums „Blastula“. Das war 2008. Die Oberfläche ließ sich in Maßen editieren, so dass mehr oder weniger persönlich angepasste, digitale Steckbriefe entstanden. Zum Webdesign bin ich bereits 1999 gekommen. Damals noch sehr rudimentär mittels HTML-Editoren. Die MySpace-Seiten sahen auf jeden Fall cooler aus, waren leichter zu erstellen und man konnte sich mit anderen Menschen vernetzen. Ich hatte auch recht zu Beginn einen Account im Second Life, einer Plattform auf die damals sehr viel gesetzt wurde. Viele Firmen hatten eine digitale Filiale im Second Life, einer Art Online-Spiel. Ich konnte mit meinem Character durch die Stadt streifen, in Parks gehen oder digitale Discos besuchen und dort andere Character treffen, gemeinsame Musik hören, um außerhalb unserer Dachgeschosswohnung am sozialen Leben teilzunehmen. Also dem digitalen, sozialen Leben.

Facebook war damals auch cool. Viele Freunde und Freundinnen waren dort. Von früher, aus der Schulzeit oder noch weiter zurück. Menschen die weggezogen sind, konnte man lose im Auge behalten. Was sie so machen, wie sie am Strand aussehen und was sie gerade Esse. Sein Essen zu fotografieren und zu posten war bereits enorm beliebt.

Für unsere Band war Facebook damals essentiel notwendig. Ohne Facebook-Seite war es quasi unmöglich an Auftritte zu kommen geschweige denn, Kontakt mit Agenturen aufzunehmen. Die Möglichkeit, Veranstaltungen zu erstellen und Leute dazu einzuladen war als Werbemaßnahme deutlich erfogreicher, als Flyer auszulegen oder Plakate aufzuhängen.

Irgendwann hat die Verlässlichkeit der im Facebook zugesagten Teilnehmenden keine Übereinstimmung mehr mit der Realität ergeben. Haben in der FB-Veranstaltung noch gut 1000 Menschen auf „nehme teil“ geklickt, konnte man froh sein, wenn wenigsten 10 davon am Abend tatsächlich kamen. „Nehme teil“ war zu der Zeit eine Frühform von „gefällt mir“ geworden. Absolut nichtssagend.

Facebook nutzt das ganz bewusst, um Unruhe zu stiften und Falschmeldungen verbreiten zu lassen. Ungefiltert, unkommentiert und unkontrolliert.

Es folgte ein schleichender Wechsel vom sozialen Netzwerk zum heutigen, asozialen Netzwerk. Veranstaltungen zu erstellen brachte gar nichts mehr, irgendwann wurde das Feature auch eingestellt. Stattdessen entwickelte sich ein Trend, alles mögliche zu kommentieren. Egal, ob mit dem Kommentar auf die ausgehende Frage eingegangen oder inhaltlich etwas zum Diskurs beigetragen wurde. Hauptsache kommentieren. Die Tugend der Höflichkeit im menschlichen Umgang wurde durch das anonyme, digitale Schutzschild immer durchlässiger. Mittlerweile gibt es kein Halten mehr. Beleidigungen und eine aggressive Kommunikationsform sind heute Standard. Begleitet von Rechtschreibfehlern und grammatikalischer Fantasie. Was zählt sind Extreme und Superlative. Unglücke, Katastrophen und menschliche Schicksale. Alles zählt die Klicks nach oben. Facebook nutzt das ganz bewusst, um Unruhe zu stiften und Falschmeldungen verbreiten zu lassen. Ungefiltert, unkommentiert und unkontrolliert.

Bisher habe ich meinen Account weiterhin genutzt, um mich in Gruppen über meine Interessengebiete auszutauschen. Die klassischen Foren von 1999 werden leider immer weniger. Auch für unsere Reiseberichte und Reisevideos war Facebook immer eine gute Verbreitungsplattform. Seit wir unsere Inhalte dort nicht mehr teilen, sind die Aufrufzahlen der Videos und die Aufrufe unserer Blogartikel dramatisch nach unten gegangen. Für die Vergütung nach der VG-Wort erreichen wir nun nicht mehr annähernd die notwendigen Zahlen.

Der weitere Ablauf wäre komplett gleich: Irgendwas Tippen, noch ein Foto, paar Hashtags: Senden. Super einfach!

Im Januar haben wir einen Account bei Mastodon erstellt und posten nun darüber unsere Inhalte. Leider mit sehr mäßigem Erfolg, da wenige Menschen bereit sind, gewohnte Netzwerkstrukturen zu verlassen und ein unabhängiges, dezentrales Netzwerk ohne Algorithmus und ohne Werbung zu nutzen. Würden alle Politiker und Politikerinnen im Land ihre Inhalte auf Mastodon posten und nicht mehr auf X, würden alle Medienanstalten ebenfalls wechseln. Danach würden die Menschen folgen, die den Medienanstalten folgen. Es wäre ganz einfach. Sie müssten nur eine andere App auf ihrem Smartphone öffnen, der weitere Ablauf wäre komplett gleich: Irgendwas Tippen, noch ein Foto, paar Hashtags: Senden. Super einfach!

Nach 16 Jahren habe ich meinen Facebook-Account gelöscht. Facebook gibt mir vier Wochen Zeit, meine Entscheidung zu überdenken. Dann werden alle Daten entgültig gelöscht. Sagen sie. Hoffentlich halten sie sich auch daran.

Meinen Instagram-Account habe ich ebenfalls gelöscht. Whatsapp nutze ich nur noch mit den hartnäckigsten Freunden (Los! Wechselt endlich! Signal, Telegram, Threema, SMS …).

Unseren gemeinsamen Instagram-Account betreiben wir aktuell noch. Mit Bauchschmerzen und aus Angst, dann gar keine Reichweite mehr zu haben. Dabei sind uns die Inhalte eigentlich viel lieber als die Reichweite.

Das Vertraute hat so viele Facetten. Vermutlich so viele, wie das Facettenauge einer Libelle. Und die können ihre Welt nicht nur extrem facettenreich betrachten, sondern leben je nach Alter auch noch zuerst im Wasser, und zwei Jahre später in der Luft. Und das auch noch mit wunderschön schimmernden Flügeln, anmutig und elfengleich. Sie sind damit für mich wahre Lebenskünstler. Sie schaffen es, ihr Leben mindestens einmal komplett auf den Kopf zu stellen: eine andere Welt zu bewohnen, völlig andere Dimensionen ihrer Umwelt zu erkunden, und vom Schwimmen ins Fliegen zu kommen. 

Nun sind wir vom Sesshaften ins Reisende gewechselt und das fühlt sich auch schon an wie eine Metamorphose. Gewissermaßen sind mir mit der Zeit Flügel gewachsen, auf die ich vertrauen kann. Die auch so schön durchsichtig sind. Sie schimmern oft schon zart, wenn auch noch nicht elfengleich, und dafür bin ich dankbar. Beim Reisen suche ich oft das Vertraute. Etwas, das so aussieht wie. Das so schmeckt wie. Das so riecht wie. Etwas Vertrautes zu hören oder zu lesen, eine Nachricht von meinem Bruder, ein Telefonat mit meiner Tochter, oder ein Videocall mit meinen Freundinnen ist da noch sehr viel mehr greifbar, sie sind zum Greifen nahe! Dabei ist es ja noch nicht einmal so, dass es vertraute Stimmen oder Worte sind. Das Vertrauen ist da, dass sie da sind, egal wo ich bin. Die Menschen, die mich begleiten in meinem Leben, das jetzt Flügel bekommen hat.

Wo mir das Vertraute mit so vielen schönen Erinnerungen und Erlebnissen so unverhofft begegnete, war in Carcassonne. Wir sind von unserem Stellplatz aus an einem Seitenarm der Aude entlang geschlendert und waren voller Vorfreude auf diese Bilderbuch-Mittelalterstadt, als ich plötzlich abrupt stehen blieb. Ich roch Vertrautes. Blumig, süß, umwallend. Und dann kam auch schon mein Juchzer: Holunderblüten! Ein kleiner Hüpfer, ein kleines Freudentänzchen und da sah ich sie. Diese unfassbar hübschen, weißen, kleinen, fragilen Blüten in großen, angeberischen Dolden. Was für ein Fest für meine Sinne, daran zu riechen, nach all der Zeit auf der Iberischen Halbinsel, auf der ich den Frühling, wie ihn mit Buschwindröschen, Bärlauch und Waldmeister kenne, in diesem Jahr nicht erlebt habe (dafür den Nickenden Sauerklee). Also quasi einen vertrauten Frühling ausgesetzt habe. Und das, wo ich ein Frühlingskind bin. 

In Freiburg machten wir unsere erste Station zurück in Deutschland. Auf dem Campingplatz wuchsen viele Holunderbüsche und ich konnte einfach nicht mehr anders: Holunderblütenküchle! Was für ein Genuss, dieses unschlagbar blumige Aroma im Pfannkuchen zu essen. Ich habe immer viele Holunderblüten verarbeitet: Sirup, Gelée, die Hollerküchle gemacht. Wie oft war meine Nasenspitze gelb vom Blütenstaub. Aber das Sammeln, das Losgehen mit meinem Sammelkörbchen zu den vertrauten Plätzen, um zu schauen, wie weit sie schon sind, war immer das Schönste. Es ist ein Ritual. Es ist Vertrautes. Und das geht auch unterwegs. 

Stranden. Oder „Gestrandet“? Aber das hat so was Passives. Äußere Umstände lassen dich im Beiboot nach dem Schiffbruch auf eine einsame Insel gleiten. Dann bist du gestrandet. Oder der Camper hat eine Panne, und du landest für ein paar Tage im Nirgendwo. Dann bist du gestrandet. Timmy lassen wir jetzt außen vor, aber natürlich hat er es als Bild in die Assoziationen geschafft. Und ein bisschen walisch fühlte ich mich dann auch, als ich strandete: Unbeweglich, abwartend, in Geduld übend.

Seitdem wir in Portugal sind, umgibt uns das Meer. Ob an der Algarve oder an der Alentejo-Küste: Die Buchten sind traumhaft, mal steil, mal sandig mit Dünen, und an jeder kannst du sitzen, aufs Meer schauen, sinnieren, dich treiben lassen, den Surfern zuschauen, ein Bad im sehr kalten Atlantik nehmen und einfach SEIN. Das ist für mich „stranden“: das süße, zeitlose Nichtstun am Strand.

Genau das wollte ich neulich in Sagres. Vielleicht war ich gedanklich schon zu sehr dabei, zu stranden, als ich auf dem glatten Plattenweg hinunter zur Bucht den feinen Sand nicht wahrnahm. Ich nahm einen kleinen Loop rückwärts und landete mit verdrehtem Knie auf dem Po. Erleichtert stellte ich fest, dass niemand meinen galanten Abgang registriert hatte und ebenso erleichtert konnte ich meinen Strandgang zunächst ohne Schmerzen fortsetzen. Setzte mich an den Strand und strandete. Erst auf dem Nachhauseweg (Achtung Backflip: fein verinnerlichter Begriff im Unterwegssein!) wurde mir klar: das Stranden setzt du jetzt die nächsten Tage fort, wenn auch unfreiwillig. So verbrachte ich die nächsten Tage im Liegestuhl mit Kühlpad und Buch. In diesem Fall gestrandet. Für unsere weitere Reiseplanung bedeutete das: Orte anfahren, wo es für Stefan etwas zu entdecken gibt, und für mich eine schöne Umgebung in geringem Radius. Den ursprünglichen Plan, zum Wandern in den Naturpark Tajo International und in die Serra Estrela zu fahren, mussten wir schweren Herzens aufgeben.

Und so steuerten wir Lissabon und Porto an. Stadt-Entdeckungen in Strandnähe, besser geht´s nicht. Dabei auf der Route schöne Strände mit schönen Orten entdecken, z.B. Cascais und Ericeira. Strände ohne Ende. Wir sind nicht „gestrandet“. Wir stranden: nehmen es so, wie es ist, stecken unsere Route um, und lassen uns treiben.

Routine ist angenehm. Sie glättet den Tag, schafft Struktur.
Seit wir Hildesheim verlassen haben, gehen wir täglich neue Wege. Das ist aufregend, spannend und bringt mehr Dynamik in unser Leben. Es ist aber auch eine neue Art, mit der Zeit umzugehen. Mir helfen kleine Rituale um mich dabei zu fokussieren. Sei es meine Gymastik am Morgen, das Aufbrühen des Kaffees oder mein täglicher Apfel.
Denn mit der Zeit ist es so eine Sache – wir haben alle Möglichkeiten der Welt, doch wir können nicht alles auf einmal machen. Wir brauchen die Zeit. Und wir brauchen unterschiedliche Perspektiven. Daher ist es wichtig, die Perspektive immer wieder zu wechseln und immer wieder auf das zu schauen, was gerade ist.

Unser neues Video nimmt sich daher auch mehr Zeit. Es passt nicht in den schnellen YouTube-Algorithmus.

Was sind deine täglichen Routinen? Brauchst du das überhaupt?

Ich habe den DI.DAY gestern dazu genutzt, um mich von einem weiteren Bigtech (jedenfalls stückchenweise)  unabhängig zu machen: Bisher war die iCloud immer eines meiner Hauptargumente um im sehr praktischen Appel-Universum unterwegs zu sein. Alles so schön einfach mit der iCloud. User müssen sich quasi um fast nichts kümmern und alles greift ineinander. Einmal angemeldet und du kannst deine Daten, Kontakte, Kalendereinträge usw. an einem Ort sammeln und mit all deinen Geräten von überall darauf zugreifen. Das ist mega!

Der Nachteil dabei ist jedoch, die Daten (also DEINE Daten) liegen irgendwo in Amerika in einem Rechenzentrum. Bei wem eigentlich? Die Kontakdaten von deinen Freunden und Freundinnen liegen da übrigens auch. Hast du sie gefragt, ob sie fein damit sind? Dein Kalender verrät auch viel über dich und deine Gewohnheiten. Was perspektivisch mit diesen Daten passiert und wer dann möglicherweise darauf Zugriff haben könnte, ist zumindest – gerade in dieser Zeit – ungewiss.

Also habe ich mich dank der vielen Wechselrezepte ran gesetzt und meine eigene Cloud aufgebaut. Zum Glück betreibe ich mit meiner Internetz Manufaktur bereits einen eigenen Server bei ALL-INKL, in Deutschland gehostet. Genau da habe ich nun die Nextcloud installiert, einem  Webinterface vergleichbar mit den Funktionen von Dropbox, Google Drive oder eben auch iCloud. Allerdings liegen die Daten nun an einem Platz, den ich viel besser greifen kann. Auf den ich direkt Einfluss nehmen kann.
Und es funktioniert! Zugegeben, die Einrichtung bedarf schon etwas mehr Aufmerksamkeit. Gerade auch die Kalender und Kontakte dorthin umzuziehen, macht Arbeit. Aber wenn man sich bewußt Zeit dafür nimmt, geht es eigentlich.

Das heißt ja nicht, dass ich die iCloud nun gar nicht mehr nutze (Notizen & Erinnerungen bleiben vorerst dort) – aber gerade sensible, persönliche Daten liegen nun an einem Ort, der zumindest unter den deutschen Datenschutz fällt. Und der ist mir gerade doch lieber, als der ungewisse Umgang mit diesen Daten in Amerika oder sonstigen Serverfarmen.

Wie ist es mit dir? Hast du auch schon einen Big Tech verlassen? Mach doch mal mit! Wenn du Fragen hast, schreib mir gerne in die Kommentare.

Jeden ersten Sonntag auf die gute Seite wechseln!
Unser digitales Leben befindet sich in der Hand weniger Überreicher. Mit der Monopolstellung ihrer Unternehmen bestimmen Menschen wie Elon Musk, Jeff Bezos oder Mark Zuckerberg weltweit, wie wir uns online informieren, wie wir diskutieren, kommunizieren oder handeln. Einen solchen unkontrollierten Einfluss sollte kein Mensch und kein Unternehmen besitzen, weil wir dann nicht mehr in Freiheit leben können. Die gute Nachricht: Diese Macht geben wir ihnen derzeit, und wir können sie ihnen auch wieder nehmen!

 

„El Palmito“ ist eine Zwergpalme (Chamaerops humilis) und die einzige Palmenart auf der Iberischen Halbinsel, die einheimisch ist. Sie bildet mehrere Stämme aus und wird maximal 4 Meter hoch. Ihre hübsch gefächerten, leuchtend grünen Palmenblätter strotzen gleißender Sonne, langanhaltender Trockenheit und zerrendem Wind. Was für viele Lebewesen viel Überlebensstress bedeutet, ist für sie ein Spiel mit den Elementen. Prächtig und gesund sieht sie aus, und du kannst ihr geradezu ansehen, dass sie sich da, wo sie wächst, pudelwohl fühlt.

Seitdem wir in Spanien sind, begegnet sie mir überall da, wo wir unsere Entdeckungen machen: sei es bei den Bio-Avocados auf der „Finca Las Hespérides“, auf der Wanderung „Los Monjes“ bei Marbella, egal, sie ist da. Vielleicht liegt es an ihrem Wuchs auf Augenhöhe. Vielleicht liegt es an ihrem auffällig breiten, gefächerten Wuchs. Es ist jedenfalls so, als würde sie ständig „Hallo!“ zu mir sagen (wenn du meinen Beitrag über den Nickenden Sauerklee gelesen hast, dann weißt du, dass ich eine starke Bindung zu Pflanzen und Tieren habe, von daher wundere dich nicht. Ich ticke ansonsten ziemlich normal). Und dann freue ich mich einfach immer. „Naaa, auch wieder hier? Schön, dass du da bist!“ Ich freue mich deshalb so über sie, weil ich weiß, dass sie hier, an diesem Standort, genau richtig ist. Dass sie sich genau hier so entfalten kann, wie sie es braucht.

Als ich neulich Geburtstag hatte, bekam ich wunderschöne Glückwünsche in jeglicher Form. Und die Wohlfühldusche mit lieben Wünschen hat mich sehr berührt und bestärkt. „Schön, dass du da bist!“ hat auch mein Bruder am Glückwunschtelefon zu mir gesagt. Aber er hat auch noch was dazu gesagt: „Und schön, dass du da bist, wo du bist.“ Das traf mich mitten ins Herz, denn das drückte genau das Gefühl aus, von dem ich seit ein paar Wochen nicht wusste, wie ich es ausdrücken sollte. Weil ich mich im Unterwegssein mittlerweile sehr heimisch fühle. Weil ich währenddessen ein Gespür dafür entwickeln konnte, welche Orte mir gut tun, und welche nicht. Weil jetzt genau die richtige Zeit dafür ist (Danke, Tante Luzie!). Weil ich, als heimatverbundene, nordhessische Weserberglandspflanze, nie gedacht hätte, dass ich mich auf Reisen in Sicherheit weiterentwickeln, entfalten und wachsen kann. Und weil mein Bruder mich genau damit sieht. Ich bin also da, und da, wo ich bin, bin ich richtig. Das ist doch mal eine so profane wie schöne Erkenntnis.

Übrigens, die Zwergpalme gibt es hier in unserem Video zu sehen:
Mit einem Klick rüber zu unserem Video

Ja ja, die Zeit. Vielleicht ist es auch ein „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen“, oder „Gut´ Ding braucht Weile“. Derer Sprichwörter gibt es viele, wenn es darum geht, mit Geduld, Regelmäßigkeit und Sorgsamkeit ausgeführte, kleine Schritte auszudrücken. Und das auch noch über einen Zeitraum, dessen Dimension uns unmenschlich lang vorkommt. Und Tante Luzie, meine Zieh-Oma, hatte stets die weisen Worte: „Alles hat seine Zeit“. Ihre Worte sind für mich zum Lebensmotto geworden, weil es mir immer wieder bewusst macht, dass ich keinen Schritt VOR dem anderen machen kann. Dass Tomaten im Sommer wachsen, und wir sie nun mal nicht im Winter essen können. Dass der Rhabarber nur bis zum 24. Juni geerntet werden kann. Dass das Leben, seine Situationen und unsere Entscheidungen dann am stärksten sind, wenn der richtige Zeitpunkt da ist- und dieser WIRD kommen, dieses Vertrauen darf ich haben. Den Respekt vor diesem richtigen Zeitpunkt lerne ich von Tante Luzie nach wie vor. Immer wieder.

Aber hier, in diesem Fall, trifft „Steter Tropfen höhlt den Stein“ auf das zu, was es im wahrsten Sinne ist: Die Tropfsteinhöhlen von Nerja. Fünf Jungs aus dem ehemaligen Fischerdörfchen an der Costa del Sol sind in den 50er Jahren immer wieder zu ihrem Lieblingsort gepilgert, um dort zu spielen und Neues zu entdecken. Täglich. Irgendwann wollten sie endlich wissen, woher die Fledermäuse rausgeflogen kommen, und sind in die Spalte gekrochen. Was sie schließlich 1959 entdeckten, veränderte das Leben im Dorf von nun an grundlegend: Die Höhlen von Nerja wurden zu DEM touristischen Anziehungspunkt schlechthin, und Nerja entwickelte sich innerhalb weniger Jahre vom Fischerdorf zur touristischen Hochburg. Als wir neulich diese Karsthöhlen besuchten, verschlug es uns den Atem, weil wir solch hohe Säle, wie sie tatsächlich genannt werden, noch nicht gesehen hatten. Mich hat die zeitliche Dimension, in der das Wasser Tropfen für Tropfen das CO2 aus dem Boden gelöst und so Tropfen für Tropfen, Spalte für Spalte, Saal für Saal entstehen ließ, komplett überfordert. Und dann auch noch in dieser kunstvollen Regelmäßigkeit orgelpfeifenartige Säulen zu erschaffen, Hallelujah! Voller Demut ging ich in Gedanken aus der Höhle. Und dankbar, weil mir diese Höhle gezeigt hat: „Dranbleiben. Nicht verunsichern lassen. Vertrau´ auf das, was du zum richtigen Zeitpunkt entschieden hast, es im richtigen Zeitpunkt zu tun. Vieles zeigt sich erst mit der Zeit.“ So wie unser Business mit unseren Filmen, unserem Reiseblog. Steter Tropfen höhlt den Stein, denn alles hat seine Zeit. Und alles wird gut.

Übrigens, die Höhle gibt es hier in unserem Video zu sehen:
Mit einem Klick rüber zu unserem Video

 

 

Jeden Tag aufs Neue lerne ich viel und gerne. Am liebsten von der Natur, denn ich bin viel und gerne draußen. Sobald ich in der Natur bin, oder sagen wir, draußen, erfahre ich oft erst, wie es mir geht, denn dass die Natur ein Spiegel unseres Selbst ist, ist ja kein Geheimnis. Die bergige Landschaft in Südostspanien ist karg, und bis auf einige Pinienhaine mit starren, borstigen Büschen gut vor Erosion geschützt. Sie hat etwas wüstenartiges für mich als Mitteleuropäerin, und die Weite der grandiosen, baumlosen Berglandschaften macht mich neugierig. Sie schärft meinen Sinn für die Ferne und ständig lasse ich den Blick seufzend schweifen. Die schmalen Wege, oft nur Trampelpfade, erfordern aber gleichzeitig auch kurzsichtige Achtsamkeit, denn sie sind steinig, steil und wegen der borstigen Büsche eben auch kratzig. Also Arme hoch und im Gänsemarsch weiter. Meine Güte, wie sehr sich diese Büsche wehren! Und das ist gut so: Nein sagen, Grenzen setzen und Abstand gewinnen: wo mache ich das so für mich? Also so ganz selbstverständlich, wie diese borstigen Büsche? Meine Bewunderung für sie wächst, als die 80 km/h Böen zunehmen und ich mich intuitiv klein mache, um nicht umgepustet zu werden: bei denen passiert einfach gar nix. Die bleiben einfach so, da wackelt nichts, die lassen nicht an sich rumzerren- Pöh, soll doch die Böe böen. Wie standhaft! Klare Ansage!

Was aber auch eine richtig geniale Idee ist: einfach mitgehen mit der Böe. Elastisch bleiben und Spaß dabei! Wie der Nickende Sauerklee. Mit seinen knallgelben Blüten hat er sich schön auf Fußhöhe und rasenartig in der spanischen Landschaft breit gemacht und lacht sich bei jeder noch so starken Böe eins. Im Ernst, schaut man diesen lustigen, gelben Blüten beim Windspiel zu, liegt der Name glasklar auf der Hand: sie nicken auf ihren recht dick-fleischigen Stängeln auf und ab und biegen sich dabei krumm und schief. Während mich dieser ständige Wind ziemlich nervt, Gegenwind mich gar fast aggressiv macht, sollte ich vom Nickenden Sauerklee doch sehr viel lernen. Annehmen das, was da ist. Ja sagen zu Widerständen, Widersachern, Umständen, Herausforderungen. Und schon wird das Leben leichter.

siehe auch „Windig, windig!

 

 

An die Badekappe habe ich mich ja mittlerweile gewöhnt. Das ist halt die Regel. Klar, neulich hatte ich ja auch eine ganz schöne Matte. Gut 3 mm. Hab´mich ganz schön gehen lassen, ich weiß. In der Regel halte ich die Haare so um 1 mm, das ist einfach pflegeleichter. Da konnte ich schon verstehen, dass mich die Servicekraft im spanischen Schwimmbad explizit nochmal gefragt habe, ob ich auch wirklich eine Badekappe dabeihabe. Ich zog meine Sonnenmütze vom Kopf und fragte sie „must i, really?“. „Si, eso es obligatorio.“ Ist obligatorisch. Klar. So ist die Regel: Die Badekappe ziehe ich an! Jeden Freitag. Denn freitags gehe ich schwimmen. Gerne vormittags. Als genauer gesagt, gerne um 11 Uhr. Das kann auch schonmal halb Elf oder kurz nach Elf sein. Da bin ich flexibel. Aber Freitag sollte es schon sein.
Jedenfalls letzten Freitag musste das Schwimmen ausfallen: Bisher war die Schwimmsituation in Spanien meist durch markierte Bahnen geregelt. Die Bahnen werden durch aufrecht schwimmende Personen belegt, die im Tempo 1, mit den Füßen nach unten strampelnd, ihre Runden drehen. Denn natürlich schwimmen wir pro Bahn im Kreisverkehr, nicht etwa hin und zurück. Das warme Bewegungsbecken ist dabei meist leer. Für mich als Streckenschwimmer also jeden Freitag eine neue Herausforderung, auf meine Meter zu kommen.

Letzten Freitag war es dann nun noch schwerer, denn die beiden erreichbaren Schwimmbäder, sahen eine Vorabreservierung der Bahnen vor. Man reserviert eine Bahn zu einem bestimmten Zeitfenster und teilt sich diese Bahn dann mit maximal vier Personen.
Freitags gehe ich schwimmen. Ich habe eine Bademütze, ich trage sie, also reserviere ich auch meine Bahn. Die Registrierung ist obligatorisch. Das ist verständlich. Nach der Angabe meiner Namen, dem Geburtsdatum, der Mobilnummer, der Anschrift und der E-Mail-Adresse, wird noch die Nummer der ID-Card als Pflichtfeld abgefragt. Flugs den Perso aus dem Rucksack gezergelt, schon habe ich alle Angaben gemacht. Leider gibt es dann die Mitteilung, ich müsse mir zur weiteren Reservierung & Bezahlung die entsprechende App des Schwimmbadverbundes herunterladen. Mache ich gern. Mit meinem angelegten LogIn kann ich mich noch am selben Tag bei einem der beiden erreichbaren Schwimmbäder als potenzieller Schwimmer anmelden. Leider sind am Freitag keine Bahnen mehr frei. Für das andere Schwimmbad muss ich mich, immerhin mit dem gleichen LogIn, erneut registrieren. Das ist ja schnell gemacht. Aber leider sind auch dort keine Bahnen frei. Samstag geht es schon weiter auf unserer Reise.

Das ich trotz keiner Haare eine Badekappe tragen soll, okay – kann ich noch verstehen. Es geht ja auch um die Außenwirkung im Becken. Und wo zieht man sonst die Grenze: Bei 2,3 oder 4mm. Und wer hat die Befugnis, dass zu entscheiden? Aber die Eingabe der ID-Nummer für einen Schwimmbadbesuch? Momentan erscheint mir das doch etwas übertrieben. Aber ich lerne das Land ja auch erst noch kennen. Und eine spanische Gasflasche habe ich auch bereits gekauft, auch mit obligatorischer ID-Nummer (ich werde berichten).
Ich bin gespannt, welche Aufgaben beim nächsten Schwimmbad auf mich warten. Aufgaben zu erfüllen, um ein Ziel zu erreichen, bin ich gewöhnt.

Der Sturm hat Andalusien und die Algarve weiterhin fest im Griff. So halten wir uns seit gut einer Woche auf einem kleinen Platz im Landesinneren, in der Nähe von Beniarbeig auf. Chris kommt aus den Niederlanden, lebt seit 6 Jahren im Wohnmobil (ein schöner, alter Vario!) und hat vor einem halben Jahr ein Grundstück in Spanien gekauft. Hier ist er durch ausreichend Solarenergie autark vom hiesigen Stromnetz, hat aber fließend Wasser. Es gibt also eine warme Dusche, eine Toilette und eine freundliche Geselligkeit. Wir stehen hier mit einer weiteren Camperin aus den Niederlanden, die auch seit mehreren Jahren im Wohnmobil lebt und einer Schwedin, die hier Urlaub macht und Chris auf seinem Grundstück hilft.

Stefan und Charlotte Wehner gemeinsam mit Freunden beim italienischen Abend auf dem Gelände von Camper Cabana.Bei einem gemeinsamen italienischen Abend, konnten wir unsere Englischkenntnisse aufbessern, denn alle sprechen besser Englisch als wir! Das ist also unsere Herausforderung: Neben meinen täglichen Duolingo-Lektionen, das Sprechen im Alltag üben.
Chris ist nicht nur ein guter Pizzabäcker, sondern hat sich hier in der Umgebung mit einem Camper-Service selbstständig gemacht. Mit seinem Vario und einem kleinen Anhänger fährt er auf Campingplätze und bietet Service rund ums Fahrzeug an: Solaranlage nachrüsten, Kühlschrank austauschen, Wasserversorgung optimieren, Reparaturen aller Art usw. Als gelernter Mechaniker hat er außerdem Ahnung von den meisten Fahrzeugen. Hier auf seinem Platz können Camper auch ein paar Tage bleiben, bis die entsprechende Reparatur durchgeführt ist. (https://www.campercabana.com)

Von den Stürmen an der Südküste bekommen wir hier Tag und Nacht die Windausläufer zu spüren. Unser Wohnmobil wackelt wie ein Boot in den Wellen. Gerade Nachts macht es den Schlaf zu einer maritimen Herausforderung. Wir fragen uns: ab wieviel km/h Windgeschwindigkeit kippt unser Wohnmobil eigentlich um? Es sind aktuell Sturmböen von 80 km/h, die hier über freier Fläche fegen, und mit physikalischer Newton-Angeberei stellt sich heraus: bei unseren Maßen sollten wir ab 150 km/h „Maßnahmen“ ergreifen. Also bislang alles im grünen Bereich.

Tagsüber lässt sich die Umgebung per Rad oder zu Fuß erkunden. Um uns herum ist die Sierra de Segaria, eine schöne Berglandschaft mit tollen Ausblicken und Weiten. Im Dorf selbst gibt es alles nötige, das Bier kostet nur 2€ und ein Schwimmbad ist nicht weit.

Wir werden also noch ein paar Tage bleiben, bis wir weiter die Costa Blanca herunter fahren.

 

 

Um die Weihnachtszeit herum habe ich die alte Verfilmung von „Momo“ gesehen. Die schöne, heile Welt im Amphitheater vor den Toren der italienischen Stadt wird durch die Grauen Herren, die den Menschen die Zeit stehlen, nach und nach grau. Und vor allem hektisch. Momo´s Freunde haben keine Zeit mehr, und sie wird einsam und traurig. In dem Moment zupft die Schildkröte Cassiopaia an Momo´s Rock, und deutet ihr, dass sie mitkommen soll. So gehen Momo und die Schildkröte Cassiopaia in ihrem eigenen, seeehr langsamen Tempo durch die hektische Stadt: alles rast an ihnen vorbei, doch die beiden gehen. Sicher und geruhsam. Schritt für Schritt. Momo bietet Cassiopaia an, sie könne sie doch einfach auf dem Arm tragen, dann ginge es schneller. Aber das geht nicht. Sie MÜSSEN in Cassiopaia´s Tempo gehen, sonst kommen sie niemals bei Meister Hora, dem Meister der Zeit, an! Und sie kommen an. Gerade rechtzeitig vor den Grauen Herren.

So ging es mir, als wir vor 2 Wochen in Hildesheim endgültig unsere Reise begangen. Es war bitterkalt, und unser Ziel war es, auf dem Weg nach Portugal möglichst schnell in Gegenden im zweistelligen Temperaurbereich zu kommen. Also entschieden wir uns für die „Sonnenroute“: Freiburg, Dijon, Lyon, Avignon, Barcelona. Jeweils eine Nacht, dann weiter. Die Pyrenäen, die Bergdörfer, alles rauschte an uns vorüber. Ins Warme, bloß ins Warme. Irgendwann stiegen wir südlich von Barcelona auf einem kleinen Stellplatz am Meer aus, rundherum Ruhe, rundherum kaum Menschen. Es war mild, die Schultern hingen entspannt. „Lass uns bleiben, weiter alles sacken lassen. Mal ein paar Tage stehen bleiben.“, war mein Wunsch. Und es tat so gut! Es war, als ob ich selbst erstmal hinterher gekrochen komme. Wir finden weiter beide unser Tempo. Und werden im Reisen langsamer. Besser gesagt, wir passen uns unserer inneren Geschwindigkeit an. Das alles, was wir in den letzten Monaten entschieden haben, was wir erlebt und erfahren haben, braucht Zeit, seinen Platz in uns zu finden.

Im Naturpark L‘ Albufeira, wenige Kilometer südlich von Valencia gelegen, leben Schildkröten. Ich hätte sie sehr gern in der freien Natur gesehen. Aber sie machen ihren wohlverdienten Winterschlaf, schön muckelig eingegraben im Sand der Dünen. Sie wissen, wann es Zeit ist, aufzuwachen. Wann es Zeit ist, zu gehen, zu ruhen, zu essen. Viele sind hochbetagt. Sie haben ihre eigene Zeit. Sie zu beobachten, entschleunigt. Sie sind zu meinen Zeit-Coaches geworden: Mein Tempo finden, und es aber auch immer wieder wie einen Leuchtturm vor meiner Nase behalten.

Unterhalb von Valencia, direkt am Naturpark Albufera, stehen wir seit ein paar Tagen auf einem Campingplatz. Hier gibt es eine ausführliche Infrastruktur, vermutlich mehr Kinderanimationsangebote als man sich vorstellen kann, und die Parzellen sind durch Hecken geteilt.
Eigentlich ganz okay – die Stellplätze in der Umgebung glichen eher Parkplätzen. Auch hier findet sich das allseits bekannte „Zeltphänomen“ wieder. Nämlich die Annahme, in einem Zelt, hinter dem teilweise blickdichten Gewebe, bleibt auch der Ton verborgen. Mitnichten! Zeigt die Erfahrung. Der Ton dringt nahezu ungehindert durch den Stoff. Wenn nun die Nachbarn den größten Teil des Tages ihren Fernseher im Vorzelt laufen lassen, bleibt man stets informiert über das Weltgeschehen. Ob man will oder nicht. So ist es mit den Menschen: Wir müssen sie so nehmen, wie sie sind. Es gibt keine anderen.

Valencia können wir bequem mit dem Bus erreichen. Die Altstadt ist über 2000 Jahre alt und zählt zu den größten historischen Zentren Europas. Die plötzliche Lebhaftigkeit um uns herum, verbunden mit den unzähligen, wunderschönen Hausfassaden, ermüdet ganz schön. Dazu erkunden wir noch die Stadt der Künste und der Wissenschaften. Ein beeindruckender Gebäudekomplex des spanischen Architekten Santiago Calarava.

Die Sturm- und Regenwarnungen in Portugal lassen nicht nach, so verbleiben wir erstmal die kommenden Tage in dieser Gegend. Ist ja auch schön hier!

Ein beeindruckender Gebäudekomplex des spanischen Architekten Santiago Calarava.

Wir leben nun seit 14 Tagen im Wohnmobil. Nachdem wir aus unserem Haus ausgezogen sind, ging es erstmal für 1 Woche nach Bremen. Familie treffen, in vertrauter Umgebung an die neue Situation gewöhnen, warten bis unsere Katze zurück ins Haus kann.

Dann sind wir zurück über Hildesheim und haben Trixie in ihr gewohntes Revier gebracht. Nach einer Nacht in Hildesheim und einem kurzen Check in der Autowerkstatt ging es nun in Richtung Süden: Kassel, Freiburg, Südfrankreich. Mittlerweile sind wir in Spanien, kurz unterhalb von Barcelona angekommen.

Es fühlt sich immer noch sehr ungewohnt an. Auch die Tatsache, dass da kein Haus mehr ist, in das wir zurückkehren werden, ist enorm surreal. Es wird sicherlich noch einen Moment dauern, bis wir in diesem neuen Lebensabschnitt ankommen.Gestern, am Meer, war es kurz soweit: Es passiert wirklich! Seit gut einem Jahr planen wir diesen Schritt und nun sind wir wirklich losgefahren und am Meer, im zweistelligen Temperaturbereich, angekommen. Und das ist erst der Anfang!

Die Fahrt und auch die Stellplätze, alles entspannt bisher. Kein Druck, keine Überfülllung, kein Stress. Vor Ort ist die Realität eine Andere, als Social-Media sie uns erzählt.

Wir fahren nun langsam die Küste herunter, über Valencia bis nach Portugal. Der Sturm wird weitergezogen sein, wenn wir die Algarve erreichen.

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