Tagebuch

Routine ist angenehm. Sie glättet den Tag, schafft Struktur.
Seit wir Hildesheim verlassen haben, gehen wir täglich neue Wege. Das ist aufregend, spannend und bringt mehr Dynamik in unser Leben. Es ist aber auch eine neue Art, mit der Zeit umzugehen. Mir helfen kleine Rituale um mich dabei zu fokussieren. Sei es meine Gymastik am Morgen, das Aufbrühen des Kaffees oder mein täglicher Apfel.
Denn mit der Zeit ist es so eine Sache – wir haben alle Möglichkeiten der Welt, doch wir können nicht alles auf einmal machen. Wir brauchen die Zeit. Und wir brauchen unterschiedliche Perspektiven. Daher ist es wichtig, die Perspektive immer wieder zu wechseln und immer wieder auf das zu schauen, was gerade ist.

Unser neues Video nimmt sich daher auch mehr Zeit. Es passt nicht in den schnellen YouTube-Algorithmus.

Was sind deine täglichen Routinen? Brauchst du das überhaupt?

Ich habe den DI.DAY gestern dazu genutzt, um mich von einem weiteren Bigtech (jedenfalls stückchenweise)  unabhängig zu machen: Bisher war die iCloud immer eines meiner Hauptargumente um im sehr praktischen Appel-Universum unterwegs zu sein. Alles so schön einfach mit der iCloud. User müssen sich quasi um fast nichts kümmern und alles greift ineinander. Einmal angemeldet und du kannst deine Daten, Kontakte, Kalendereinträge usw. an einem Ort sammeln und mit all deinen Geräten von überall darauf zugreifen. Das ist mega!

Der Nachteil dabei ist jedoch, die Daten (also DEINE Daten) liegen irgendwo in Amerika in einem Rechenzentrum. Bei wem eigentlich? Die Kontakdaten von deinen Freunden und Freundinnen liegen da übrigens auch. Hast du sie gefragt, ob sie fein damit sind? Dein Kalender verrät auch viel über dich und deine Gewohnheiten. Was perspektivisch mit diesen Daten passiert und wer dann möglicherweise darauf Zugriff haben könnte, ist zumindest – gerade in dieser Zeit – ungewiss.

Also habe ich mich dank der vielen Wechselrezepte ran gesetzt und meine eigene Cloud aufgebaut. Zum Glück betreibe ich mit meiner Internetz Manufaktur bereits einen eigenen Server bei ALL-INKL, in Deutschland gehostet. Genau da habe ich nun die Nextcloud installiert, einem  Webinterface vergleichbar mit den Funktionen von Dropbox, Google Drive oder eben auch iCloud. Allerdings liegen die Daten nun an einem Platz, den ich viel besser greifen kann. Auf den ich direkt Einfluss nehmen kann.
Und es funktioniert! Zugegeben, die Einrichtung bedarf schon etwas mehr Aufmerksamkeit. Gerade auch die Kalender und Kontakte dorthin umzuziehen, macht Arbeit. Aber wenn man sich bewußt Zeit dafür nimmt, geht es eigentlich.

Das heißt ja nicht, dass ich die iCloud nun gar nicht mehr nutze (Notizen & Erinnerungen bleiben vorerst dort) – aber gerade sensible, persönliche Daten liegen nun an einem Ort, der zumindest unter den deutschen Datenschutz fällt. Und der ist mir gerade doch lieber, als der ungewisse Umgang mit diesen Daten in Amerika oder sonstigen Serverfarmen.

Wie ist es mit dir? Hast du auch schon einen Big Tech verlassen? Mach doch mal mit! Wenn du Fragen hast, schreib mir gerne in die Kommentare.

Jeden ersten Sonntag auf die gute Seite wechseln!
Unser digitales Leben befindet sich in der Hand weniger Überreicher. Mit der Monopolstellung ihrer Unternehmen bestimmen Menschen wie Elon Musk, Jeff Bezos oder Mark Zuckerberg weltweit, wie wir uns online informieren, wie wir diskutieren, kommunizieren oder handeln. Einen solchen unkontrollierten Einfluss sollte kein Mensch und kein Unternehmen besitzen, weil wir dann nicht mehr in Freiheit leben können. Die gute Nachricht: Diese Macht geben wir ihnen derzeit, und wir können sie ihnen auch wieder nehmen!

 

„El Palmito“ ist eine Zwergpalme (Chamaerops humilis) und die einzige Palmenart auf der Iberischen Halbinsel, die einheimisch ist. Sie bildet mehrere Stämme aus und wird maximal 4 Meter hoch. Ihre hübsch gefächerten, leuchtend grünen Palmenblätter strotzen gleißender Sonne, langanhaltender Trockenheit und zerrendem Wind. Was für viele Lebewesen viel Überlebensstress bedeutet, ist für sie ein Spiel mit den Elementen. Prächtig und gesund sieht sie aus, und du kannst ihr geradezu ansehen, dass sie sich da, wo sie wächst, pudelwohl fühlt.

Seitdem wir in Spanien sind, begegnet sie mir überall da, wo wir unsere Entdeckungen machen: sei es bei den Bio-Avocados auf der „Finca Las Hespérides“, auf der Wanderung „Los Monjes“ bei Marbella, egal, sie ist da. Vielleicht liegt es an ihrem Wuchs auf Augenhöhe. Vielleicht liegt es an ihrem auffällig breiten, gefächerten Wuchs. Es ist jedenfalls so, als würde sie ständig „Hallo!“ zu mir sagen (wenn du meinen Beitrag über den Nickenden Sauerklee gelesen hast, dann weißt du, dass ich eine starke Bindung zu Pflanzen und Tieren habe, von daher wundere dich nicht. Ich ticke ansonsten ziemlich normal). Und dann freue ich mich einfach immer. „Naaa, auch wieder hier? Schön, dass du da bist!“ Ich freue mich deshalb so über sie, weil ich weiß, dass sie hier, an diesem Standort, genau richtig ist. Dass sie sich genau hier so entfalten kann, wie sie es braucht.

Als ich neulich Geburtstag hatte, bekam ich wunderschöne Glückwünsche in jeglicher Form. Und die Wohlfühldusche mit lieben Wünschen hat mich sehr berührt und bestärkt. „Schön, dass du da bist!“ hat auch mein Bruder am Glückwunschtelefon zu mir gesagt. Aber er hat auch noch was dazu gesagt: „Und schön, dass du da bist, wo du bist.“ Das traf mich mitten ins Herz, denn das drückte genau das Gefühl aus, von dem ich seit ein paar Wochen nicht wusste, wie ich es ausdrücken sollte. Weil ich mich im Unterwegssein mittlerweile sehr heimisch fühle. Weil ich währenddessen ein Gespür dafür entwickeln konnte, welche Orte mir gut tun, und welche nicht. Weil jetzt genau die richtige Zeit dafür ist (Danke, Tante Luzie!). Weil ich, als heimatverbundene, nordhessische Weserberglandspflanze, nie gedacht hätte, dass ich mich auf Reisen in Sicherheit weiterentwickeln, entfalten und wachsen kann. Und weil mein Bruder mich genau damit sieht. Ich bin also da, und da, wo ich bin, bin ich richtig. Das ist doch mal eine so profane wie schöne Erkenntnis.

Übrigens, die Zwergpalme gibt es hier in unserem Video zu sehen:
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Ja ja, die Zeit. Vielleicht ist es auch ein „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen“, oder „Gut´ Ding braucht Weile“. Derer Sprichwörter gibt es viele, wenn es darum geht, mit Geduld, Regelmäßigkeit und Sorgsamkeit ausgeführte, kleine Schritte auszudrücken. Und das auch noch über einen Zeitraum, dessen Dimension uns unmenschlich lang vorkommt. Und Tante Luzie, meine Zieh-Oma, hatte stets die weisen Worte: „Alles hat seine Zeit“. Ihre Worte sind für mich zum Lebensmotto geworden, weil es mir immer wieder bewusst macht, dass ich keinen Schritt VOR dem anderen machen kann. Dass Tomaten im Sommer wachsen, und wir sie nun mal nicht im Winter essen können. Dass der Rhabarber nur bis zum 24. Juni geerntet werden kann. Dass das Leben, seine Situationen und unsere Entscheidungen dann am stärksten sind, wenn der richtige Zeitpunkt da ist- und dieser WIRD kommen, dieses Vertrauen darf ich haben. Den Respekt vor diesem richtigen Zeitpunkt lerne ich von Tante Luzie nach wie vor. Immer wieder.

Aber hier, in diesem Fall, trifft „Steter Tropfen höhlt den Stein“ auf das zu, was es im wahrsten Sinne ist: Die Tropfsteinhöhlen von Nerja. Fünf Jungs aus dem ehemaligen Fischerdörfchen an der Costa del Sol sind in den 50er Jahren immer wieder zu ihrem Lieblingsort gepilgert, um dort zu spielen und Neues zu entdecken. Täglich. Irgendwann wollten sie endlich wissen, woher die Fledermäuse rausgeflogen kommen, und sind in die Spalte gekrochen. Was sie schließlich 1959 entdeckten, veränderte das Leben im Dorf von nun an grundlegend: Die Höhlen von Nerja wurden zu DEM touristischen Anziehungspunkt schlechthin, und Nerja entwickelte sich innerhalb weniger Jahre vom Fischerdorf zur touristischen Hochburg. Als wir neulich diese Karsthöhlen besuchten, verschlug es uns den Atem, weil wir solch hohe Säle, wie sie tatsächlich genannt werden, noch nicht gesehen hatten. Mich hat die zeitliche Dimension, in der das Wasser Tropfen für Tropfen das CO2 aus dem Boden gelöst und so Tropfen für Tropfen, Spalte für Spalte, Saal für Saal entstehen ließ, komplett überfordert. Und dann auch noch in dieser kunstvollen Regelmäßigkeit orgelpfeifenartige Säulen zu erschaffen, Hallelujah! Voller Demut ging ich in Gedanken aus der Höhle. Und dankbar, weil mir diese Höhle gezeigt hat: „Dranbleiben. Nicht verunsichern lassen. Vertrau´ auf das, was du zum richtigen Zeitpunkt entschieden hast, es im richtigen Zeitpunkt zu tun. Vieles zeigt sich erst mit der Zeit.“ So wie unser Business mit unseren Filmen, unserem Reiseblog. Steter Tropfen höhlt den Stein, denn alles hat seine Zeit. Und alles wird gut.

Übrigens, die Höhle gibt es hier in unserem Video zu sehen:
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Jeden Tag aufs Neue lerne ich viel und gerne. Am liebsten von der Natur, denn ich bin viel und gerne draußen. Sobald ich in der Natur bin, oder sagen wir, draußen, erfahre ich oft erst, wie es mir geht, denn dass die Natur ein Spiegel unseres Selbst ist, ist ja kein Geheimnis. Die bergige Landschaft in Südostspanien ist karg, und bis auf einige Pinienhaine mit starren, borstigen Büschen gut vor Erosion geschützt. Sie hat etwas wüstenartiges für mich als Mitteleuropäerin, und die Weite der grandiosen, baumlosen Berglandschaften macht mich neugierig. Sie schärft meinen Sinn für die Ferne und ständig lasse ich den Blick seufzend schweifen. Die schmalen Wege, oft nur Trampelpfade, erfordern aber gleichzeitig auch kurzsichtige Achtsamkeit, denn sie sind steinig, steil und wegen der borstigen Büsche eben auch kratzig. Also Arme hoch und im Gänsemarsch weiter. Meine Güte, wie sehr sich diese Büsche wehren! Und das ist gut so: Nein sagen, Grenzen setzen und Abstand gewinnen: wo mache ich das so für mich? Also so ganz selbstverständlich, wie diese borstigen Büsche? Meine Bewunderung für sie wächst, als die 80 km/h Böen zunehmen und ich mich intuitiv klein mache, um nicht umgepustet zu werden: bei denen passiert einfach gar nix. Die bleiben einfach so, da wackelt nichts, die lassen nicht an sich rumzerren- Pöh, soll doch die Böe böen. Wie standhaft! Klare Ansage!

Was aber auch eine richtig geniale Idee ist: einfach mitgehen mit der Böe. Elastisch bleiben und Spaß dabei! Wie der Nickende Sauerklee. Mit seinen knallgelben Blüten hat er sich schön auf Fußhöhe und rasenartig in der spanischen Landschaft breit gemacht und lacht sich bei jeder noch so starken Böe eins. Im Ernst, schaut man diesen lustigen, gelben Blüten beim Windspiel zu, liegt der Name glasklar auf der Hand: sie nicken auf ihren recht dick-fleischigen Stängeln auf und ab und biegen sich dabei krumm und schief. Während mich dieser ständige Wind ziemlich nervt, Gegenwind mich gar fast aggressiv macht, sollte ich vom Nickenden Sauerklee doch sehr viel lernen. Annehmen das, was da ist. Ja sagen zu Widerständen, Widersachern, Umständen, Herausforderungen. Und schon wird das Leben leichter.

siehe auch „Windig, windig!

 

 

An die Badekappe habe ich mich ja mittlerweile gewöhnt. Das ist halt die Regel. Klar, neulich hatte ich ja auch eine ganz schöne Matte. Gut 3 mm. Hab´mich ganz schön gehen lassen, ich weiß. In der Regel halte ich die Haare so um 1 mm, das ist einfach pflegeleichter. Da konnte ich schon verstehen, dass mich die Servicekraft im spanischen Schwimmbad explizit nochmal gefragt habe, ob ich auch wirklich eine Badekappe dabeihabe. Ich zog meine Sonnenmütze vom Kopf und fragte sie „must i, really?“. „Si, eso es obligatorio.“ Ist obligatorisch. Klar. So ist die Regel: Die Badekappe ziehe ich an! Jeden Freitag. Denn freitags gehe ich schwimmen. Gerne vormittags. Als genauer gesagt, gerne um 11 Uhr. Das kann auch schonmal halb Elf oder kurz nach Elf sein. Da bin ich flexibel. Aber Freitag sollte es schon sein.
Jedenfalls letzten Freitag musste das Schwimmen ausfallen: Bisher war die Schwimmsituation in Spanien meist durch markierte Bahnen geregelt. Die Bahnen werden durch aufrecht schwimmende Personen belegt, die im Tempo 1, mit den Füßen nach unten strampelnd, ihre Runden drehen. Denn natürlich schwimmen wir pro Bahn im Kreisverkehr, nicht etwa hin und zurück. Das warme Bewegungsbecken ist dabei meist leer. Für mich als Streckenschwimmer also jeden Freitag eine neue Herausforderung, auf meine Meter zu kommen.

Letzten Freitag war es dann nun noch schwerer, denn die beiden erreichbaren Schwimmbäder, sahen eine Vorabreservierung der Bahnen vor. Man reserviert eine Bahn zu einem bestimmten Zeitfenster und teilt sich diese Bahn dann mit maximal vier Personen.
Freitags gehe ich schwimmen. Ich habe eine Bademütze, ich trage sie, also reserviere ich auch meine Bahn. Die Registrierung ist obligatorisch. Das ist verständlich. Nach der Angabe meiner Namen, dem Geburtsdatum, der Mobilnummer, der Anschrift und der E-Mail-Adresse, wird noch die Nummer der ID-Card als Pflichtfeld abgefragt. Flugs den Perso aus dem Rucksack gezergelt, schon habe ich alle Angaben gemacht. Leider gibt es dann die Mitteilung, ich müsse mir zur weiteren Reservierung & Bezahlung die entsprechende App des Schwimmbadverbundes herunterladen. Mache ich gern. Mit meinem angelegten LogIn kann ich mich noch am selben Tag bei einem der beiden erreichbaren Schwimmbäder als potenzieller Schwimmer anmelden. Leider sind am Freitag keine Bahnen mehr frei. Für das andere Schwimmbad muss ich mich, immerhin mit dem gleichen LogIn, erneut registrieren. Das ist ja schnell gemacht. Aber leider sind auch dort keine Bahnen frei. Samstag geht es schon weiter auf unserer Reise.

Das ich trotz keiner Haare eine Badekappe tragen soll, okay – kann ich noch verstehen. Es geht ja auch um die Außenwirkung im Becken. Und wo zieht man sonst die Grenze: Bei 2,3 oder 4mm. Und wer hat die Befugnis, dass zu entscheiden? Aber die Eingabe der ID-Nummer für einen Schwimmbadbesuch? Momentan erscheint mir das doch etwas übertrieben. Aber ich lerne das Land ja auch erst noch kennen. Und eine spanische Gasflasche habe ich auch bereits gekauft, auch mit obligatorischer ID-Nummer (ich werde berichten).
Ich bin gespannt, welche Aufgaben beim nächsten Schwimmbad auf mich warten. Aufgaben zu erfüllen, um ein Ziel zu erreichen, bin ich gewöhnt.

Der Sturm hat Andalusien und die Algarve weiterhin fest im Griff. So halten wir uns seit gut einer Woche auf einem kleinen Platz im Landesinneren, in der Nähe von Beniarbeig auf. Chris kommt aus den Niederlanden, lebt seit 6 Jahren im Wohnmobil (ein schöner, alter Vario!) und hat vor einem halben Jahr ein Grundstück in Spanien gekauft. Hier ist er durch ausreichend Solarenergie autark vom hiesigen Stromnetz, hat aber fließend Wasser. Es gibt also eine warme Dusche, eine Toilette und eine freundliche Geselligkeit. Wir stehen hier mit einer weiteren Camperin aus den Niederlanden, die auch seit mehreren Jahren im Wohnmobil lebt und einer Schwedin, die hier Urlaub macht und Chris auf seinem Grundstück hilft.

Stefan und Charlotte Wehner gemeinsam mit Freunden beim italienischen Abend auf dem Gelände von Camper Cabana.Bei einem gemeinsamen italienischen Abend, konnten wir unsere Englischkenntnisse aufbessern, denn alle sprechen besser Englisch als wir! Das ist also unsere Herausforderung: Neben meinen täglichen Duolingo-Lektionen, das Sprechen im Alltag üben.
Chris ist nicht nur ein guter Pizzabäcker, sondern hat sich hier in der Umgebung mit einem Camper-Service selbstständig gemacht. Mit seinem Vario und einem kleinen Anhänger fährt er auf Campingplätze und bietet Service rund ums Fahrzeug an: Solaranlage nachrüsten, Kühlschrank austauschen, Wasserversorgung optimieren, Reparaturen aller Art usw. Als gelernter Mechaniker hat er außerdem Ahnung von den meisten Fahrzeugen. Hier auf seinem Platz können Camper auch ein paar Tage bleiben, bis die entsprechende Reparatur durchgeführt ist. (https://www.campercabana.com)

Von den Stürmen an der Südküste bekommen wir hier Tag und Nacht die Windausläufer zu spüren. Unser Wohnmobil wackelt wie ein Boot in den Wellen. Gerade Nachts macht es den Schlaf zu einer maritimen Herausforderung. Wir fragen uns: ab wieviel km/h Windgeschwindigkeit kippt unser Wohnmobil eigentlich um? Es sind aktuell Sturmböen von 80 km/h, die hier über freier Fläche fegen, und mit physikalischer Newton-Angeberei stellt sich heraus: bei unseren Maßen sollten wir ab 150 km/h „Maßnahmen“ ergreifen. Also bislang alles im grünen Bereich.

Tagsüber lässt sich die Umgebung per Rad oder zu Fuß erkunden. Um uns herum ist die Sierra de Segaria, eine schöne Berglandschaft mit tollen Ausblicken und Weiten. Im Dorf selbst gibt es alles nötige, das Bier kostet nur 2€ und ein Schwimmbad ist nicht weit.

Wir werden also noch ein paar Tage bleiben, bis wir weiter die Costa Blanca herunter fahren.

 

 

Um die Weihnachtszeit herum habe ich die alte Verfilmung von „Momo“ gesehen. Die schöne, heile Welt im Amphitheater vor den Toren der italienischen Stadt wird durch die Grauen Herren, die den Menschen die Zeit stehlen, nach und nach grau. Und vor allem hektisch. Momo´s Freunde haben keine Zeit mehr, und sie wird einsam und traurig. In dem Moment zupft die Schildkröte Cassiopaia an Momo´s Rock, und deutet ihr, dass sie mitkommen soll. So gehen Momo und die Schildkröte Cassiopaia in ihrem eigenen, seeehr langsamen Tempo durch die hektische Stadt: alles rast an ihnen vorbei, doch die beiden gehen. Sicher und geruhsam. Schritt für Schritt. Momo bietet Cassiopaia an, sie könne sie doch einfach auf dem Arm tragen, dann ginge es schneller. Aber das geht nicht. Sie MÜSSEN in Cassiopaia´s Tempo gehen, sonst kommen sie niemals bei Meister Hora, dem Meister der Zeit, an! Und sie kommen an. Gerade rechtzeitig vor den Grauen Herren.

So ging es mir, als wir vor 2 Wochen in Hildesheim endgültig unsere Reise begangen. Es war bitterkalt, und unser Ziel war es, auf dem Weg nach Portugal möglichst schnell in Gegenden im zweistelligen Temperaurbereich zu kommen. Also entschieden wir uns für die „Sonnenroute“: Freiburg, Dijon, Lyon, Avignon, Barcelona. Jeweils eine Nacht, dann weiter. Die Pyrenäen, die Bergdörfer, alles rauschte an uns vorüber. Ins Warme, bloß ins Warme. Irgendwann stiegen wir südlich von Barcelona auf einem kleinen Stellplatz am Meer aus, rundherum Ruhe, rundherum kaum Menschen. Es war mild, die Schultern hingen entspannt. „Lass uns bleiben, weiter alles sacken lassen. Mal ein paar Tage stehen bleiben.“, war mein Wunsch. Und es tat so gut! Es war, als ob ich selbst erstmal hinterher gekrochen komme. Wir finden weiter beide unser Tempo. Und werden im Reisen langsamer. Besser gesagt, wir passen uns unserer inneren Geschwindigkeit an. Das alles, was wir in den letzten Monaten entschieden haben, was wir erlebt und erfahren haben, braucht Zeit, seinen Platz in uns zu finden.

Im Naturpark L‘ Albufeira, wenige Kilometer südlich von Valencia gelegen, leben Schildkröten. Ich hätte sie sehr gern in der freien Natur gesehen. Aber sie machen ihren wohlverdienten Winterschlaf, schön muckelig eingegraben im Sand der Dünen. Sie wissen, wann es Zeit ist, aufzuwachen. Wann es Zeit ist, zu gehen, zu ruhen, zu essen. Viele sind hochbetagt. Sie haben ihre eigene Zeit. Sie zu beobachten, entschleunigt. Sie sind zu meinen Zeit-Coaches geworden: Mein Tempo finden, und es aber auch immer wieder wie einen Leuchtturm vor meiner Nase behalten.

Unterhalb von Valencia, direkt am Naturpark Albufera, stehen wir seit ein paar Tagen auf einem Campingplatz. Hier gibt es eine ausführliche Infrastruktur, vermutlich mehr Kinderanimationsangebote als man sich vorstellen kann, und die Parzellen sind durch Hecken geteilt.
Eigentlich ganz okay – die Stellplätze in der Umgebung glichen eher Parkplätzen. Auch hier findet sich das allseits bekannte „Zeltphänomen“ wieder. Nämlich die Annahme, in einem Zelt, hinter dem teilweise blickdichten Gewebe, bleibt auch der Ton verborgen. Mitnichten! Zeigt die Erfahrung. Der Ton dringt nahezu ungehindert durch den Stoff. Wenn nun die Nachbarn den größten Teil des Tages ihren Fernseher im Vorzelt laufen lassen, bleibt man stets informiert über das Weltgeschehen. Ob man will oder nicht. So ist es mit den Menschen: Wir müssen sie so nehmen, wie sie sind. Es gibt keine anderen.

Valencia können wir bequem mit dem Bus erreichen. Die Altstadt ist über 2000 Jahre alt und zählt zu den größten historischen Zentren Europas. Die plötzliche Lebhaftigkeit um uns herum, verbunden mit den unzähligen, wunderschönen Hausfassaden, ermüdet ganz schön. Dazu erkunden wir noch die Stadt der Künste und der Wissenschaften. Ein beeindruckender Gebäudekomplex des spanischen Architekten Santiago Calarava.

Die Sturm- und Regenwarnungen in Portugal lassen nicht nach, so verbleiben wir erstmal die kommenden Tage in dieser Gegend. Ist ja auch schön hier!

Ein beeindruckender Gebäudekomplex des spanischen Architekten Santiago Calarava.

Wir leben nun seit 14 Tagen im Wohnmobil. Nachdem wir aus unserem Haus ausgezogen sind, ging es erstmal für 1 Woche nach Bremen. Familie treffen, in vertrauter Umgebung an die neue Situation gewöhnen, warten bis unsere Katze zurück ins Haus kann.

Dann sind wir zurück über Hildesheim und haben Trixie in ihr gewohntes Revier gebracht. Nach einer Nacht in Hildesheim und einem kurzen Check in der Autowerkstatt ging es nun in Richtung Süden: Kassel, Freiburg, Südfrankreich. Mittlerweile sind wir in Spanien, kurz unterhalb von Barcelona angekommen.

Es fühlt sich immer noch sehr ungewohnt an. Auch die Tatsache, dass da kein Haus mehr ist, in das wir zurückkehren werden, ist enorm surreal. Es wird sicherlich noch einen Moment dauern, bis wir in diesem neuen Lebensabschnitt ankommen.Gestern, am Meer, war es kurz soweit: Es passiert wirklich! Seit gut einem Jahr planen wir diesen Schritt und nun sind wir wirklich losgefahren und am Meer, im zweistelligen Temperaturbereich, angekommen. Und das ist erst der Anfang!

Die Fahrt und auch die Stellplätze, alles entspannt bisher. Kein Druck, keine Überfülllung, kein Stress. Vor Ort ist die Realität eine Andere, als Social-Media sie uns erzählt.

Wir fahren nun langsam die Küste herunter, über Valencia bis nach Portugal. Der Sturm wird weitergezogen sein, wenn wir die Algarve erreichen.

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