Wilde, schroffe Felsbuchten, kunstvolle Formationen aus Kalkstein, weite Feuchtgebiete und Salzwiesen im Rhythmus der Gezeiten, und landeinwärts tiefe Schluchten und Täler mit Orangen- und Olivenhainen.

Die Algarve ist vieles, aber vor allem ist sie seit jeher die „Finis Terrae“, das Ende der bekannten Welt, und damit die Grenze zum „Mare Incognitum“. Die „Pontes“, die Landzungen, die von den windumtosten Felsbuchten in den Atlantik hinausragen, bergen Sehnsüchte, Neugierde und Entdeckerfreude nach wie vor. Der artenreiche Schatz der vielseitigen Lebensräume ist teilweise weltweit einzigartig. Hier geht Entschleunigung: surfend auf den Wellen und wandernd auf dem Fischerpfad, einem spektakulären Küstenpfad der „Rota Vicentina“.

Von Andalusien an die Algarve

Neun Wochen sind wir Spaniens Ostküste entlang getingelt und haben dabei erfahren, wie es sich anfühlt, ausgebremst zu werden, in die Entschleunigung zu gehen und sich einfach mal treiben zu lassen: Und es ist großartig!

Seitdem wir Mitte Januar Deutschland verlassen hatten, wollten wir eigentlich recht zielstrebig an die Algarve und hatten geplant, Anfang Februar dort zu sein. Aber dann jagte ein Sturmtief das andere und überflutete große Teile im Süden und Westen der Iberischen Halbinsel. Bis auf einige Sturmböen blieben wir davon an der Ostküste jedoch verschont und wir entdeckten so die Costa Brava, Costa Blanca, Costa Tropical und Costa del Sol. Nach so viel Treibenlassen zog es uns auf direktem Weg von Marbella aus über Sevilla an die Algarve.

NEUE WEGE – Unterwegs Zuhause・VLOG VI

Tavira

Die kleine Hafenstadt an der Ostalgarve hat nicht nur eine Jahrtausende alte Geschichte zu erzählen. Sie kann auch mit ihrer einzigartigen, geografischen Lage glänzen: Zum einen liegt sie an der windgeschützten Sandalgarve mit ihren langen Dünenstränden. Zum anderen liegt Tavira in der „Ria Formosa“, einem der größten Feuchtgebiete Europas. Das Haff ist ein Labyrinth aus gezeitengeprägten Salzwiesen, kleinen Wasserstraßen und den vorgelagerten Sanddünen-Inseln.

Tavira schmiegt sich entlang des Rio Gilâo, der hier in den Atlantik mündet. Mit seinem Rhythmus der Gezeiten haucht er der kleinen Altstadt einen gemächlich pulsierenden, maritimen Charme ein, der von der siebenbogigen Brücke „Ponte Romano“ aus dem 17. Jahrhundert besonders zu spüren ist. Als würde das Pulsieren der Gezeiten von sich aus entschleunigen, lässt du dich hier treiben: entlang des Ufers, in den verwinkelten Gassen und den kleinen Plätzen schweift der Blick über die bezaubernd gekachelten Fassaden der ehemaligen Kaufmannsvillen und die kleinen Fischerhäuser.
Bars, Cafés und Restaurants, Keramik- und Souvenirläden schmiegen sich förmlich an die gelassene, ruhige Atmosphäre in der Altstadt an.
Es lohnt sich, von den Mauern des „Castelo de Tavira“ aus einen Blick über die Stadt mit den Walmdächern und über das Mündungsgebiet des Rio Gilâo zu genießen, denn auch der dazugehörige Garten mit den prachtvollen Blumen ist eine Oase für sich.

Eine Bootstour durch die Ria Formosa führt dich in die Welt der Wasservögel, u.a. mit Flamingos und Strandläufern, der Krebstiere und winzigen Seepferdchen. Es gibt eine Fähre auf die Ilha de Tavira und um zum weiten Sandstrand „Praia do Barril“ zu kommen, gibt es ein kleines Bähnchen über das Wattgebiet. Der ca. 1 km lange Fußweg durch die Feuchtwiesen ist aber noch beeindruckender: Bei Ebbe laben sich abertausende Krebse an den Algen, Muscheln, etc. und überfluten die Wattfläche. Bei Flut glitzert und funkelt das Salzwasser auf den weiten Feuchtwiesen und verströmt diese ganz besondere Ruhe der Gegend. Hier scheinen die Gezeiten nicht nur zu pulsieren. Hier scheint die Landschaft zu atmen: ein und aus. Ebbe und Flut.

Silves

Landeinwärts, am Rand der Serra de Monchique, liegt die kleine Stadt Silves. Trotzdem sie keinen Hafen hat, blickt die historische Hauptstadt des maurischen „Al-Gharb“, dem alten arabischen Königreich, auf eine bewegte Geschichte zurück und galt als einst als das kulturelle Zentrum der Algarve. Heute wirkt das Städtchen mit seinen knapp 11.000 Einwohnerinnen und Einwohnern eher etwas verschlafen. Das maurische „Castelo de Silves“ und die Kathedrale „Sé Velha“ zeugen von seiner ehemaligen Macht und Bedeutung.

Schon von weitem sichtbar thront das „Castelo de Silves“ über der Stadt, und mit der Hügelkette des Monchique-Gebirges im Hintergrund wirkt es noch eindrucksvoller. Kein Wunder, denn es ist die größte der islamischen Burgen an der Algarve. Errichtet im 4./5. Jahrhundert auf den Mauern einer alten römischen Festungsanlage, bieten noch heute die Mauern und Türme tolle Aussichtspunkte in die fruchtbare Flusslandschaft des „Rio Arade“. Besonders beeidruckend ist die Aussicht, weil man auf den Mauern einmal rundherum laufen kann und somit die Stadt und die Landschaft aus verschiedenen Himmelsrichtungen aus betrachten kann. Dabei fällt auf: Orangenbäume, soweit das Auge reicht! Schließlich gelten die Silves-Orangen als besonders fruchtig-aromatisch.
Besonders im April, zur Orangenblüte, verströmen die Blüten ihren süßlich-blumigen Duft beim Gang durch die verwinkelten Gässchen der kleinen Altstadt.

Es wird vermutet, dass die alte Hauptmoschee aus der Regierungszeit von D. Afonso III. Zur Kathedrale „Sé Velha“ umgebaut wurde. Im gotischen Stil wurde der Umbau begonnen, zur Epoche des Barock wurde sie fertig gestellt. Ebenso wie für das „Castel de Silves“ wurde hierfür der rote Sandstein, der Grès von Silves, verwendet, deren beider Farben sich heute von den weiß getünchten Häusern so deutlich abhebt.

Quinta da Avozinha

Wir (Lisa & Thomas Sonntag) sind vor einem Jahr auf einen Hof an der Algarve mit einer Orangenplantage gezogen. Nachdem wir das Haus und teilweise das Grundstück renoviert haben, können wir mittlerweile drei Stellplätze für Fahrzeuge anbieten.

Ihr steht bei uns auf naturbelassenen Stellplätzen mit Blick in die Orangenplantage und auf die dahinterliegenden malerischen, für die Algarve typischen Hügellandschaften. Außer den Stellplätzen befindet sich auf unserem Hof auch ein kleines Waschhäuschen mit je zwei Toiletten und Duschen. Ihr steht ruhig und trotzdem zentral.

In ca. 2,7 km erreicht Ihr die Stadt Silves mit ihrer schönen Altstadt, den kleinen Gässchen und der imposanten Burg. Außerdem findet Ihr hier Restaurants, Supermärkte, ein Schwimmbad, sowie viele weitere Freizeitangebote. Wir befinden uns ca. 20 Autominuten von den Stränden sowie den Bergen entfernt.

Ponta da Piedade

Sie ist DAS Bild der Algarve, und gilt als DIE Hauptattraktion in der Region: Hier, an der „Spitze des Erbarmens“ nach portugiesischer Übersetzung, schlägt die Natur nicht nur ihr illustres Geschichtsbuch auf. Hier zeigt sie uns mit ihren 20 Meter hohen Felswänden eindrucksvoll, welch kunstvolle Baumeisterin sie ist. Die „Ponta da Piedade“ ist einziges Labyrinth aus bizarren Felsformationen: von den Gewalten des Ozeans und des Windes geformt, zeigen sich die Kalksandsteinfelsen mal als Tiere, mal als Brücken, Bögen, Grotten, Felsdome- alles, was die Fantasie beim Betrachten und Bestaunen aus uns hervorbringt. Was vor ca. 23 Millionen Jahren am Grund des damaligen Meeresbodens mit Millionen von Schalentierchen begann, sedimentierte Schicht für Schicht, verfestigte sich zu Stein, und zeigt sich nun heute für uns als emporgehobenes Naturwunder.
Aber woher kommt der Name „Spitze des Erbarmens“? Es wird berichtet, dass sich die Frauen und Kinder hier an der Landzunge an besonders windumtosten Tagen versammelten, um ihren Ehemännern, Vätern und Söhnen Gebete zu zurufen, auf dass sie gesund und unbescholten wieder zu ihnen zurückkehren mögen.

Zahlreiche Anbieter preisen Bootstouren an die Strände und zu den Formationen an, und es lohnt sich, dieses Meisterwerk der Natur vom Meer aus zu erleben.
Atemberaubende Ausblicke bieten sich aber auch vom sicheren Holzsteg aus, der vom Parkplatz „Ponta da Piedade“ (nicht für Wohnmobile) aus netzartig bis zum Leuchtturm führt. Von hier ist der Genuss gefahrlos, während es an den instabilen Felskanten schon sehr wackelig sein kann.

Sagres

Wellen so weit das Auge reicht, spektakuläre Klippen und gezeitenumspülte Buchten: Sagres ist ein idealer Ausgangspunkt zum Surfen und Wandern. Vor Jahren galt der Ort als Geheimtipp in der Surf-Community, auch für Aussteigende: abgelegen, an der rauen, südwestlichsten Spitze des europäischen Festlands, fast am „Ende der Welt“. Prägend ist hier vor allem die „Ponta de Sagres“, die als 1 km lange und 300m schmale Landzunge in den Atlantik ragt. Sie wirkt wie eine Barriere für Wind und Wellen: so kann es am „Praia do Tonel“ mit meterhohen Wellen sehr stürmisch zugehen, während die Surfer an der eher windgeschützteren „Praia da Mareta“ lässig in den Wellen auf ihren Boards auf der Lauer liegen.
Diese Landzunge hat es in sich: das „Fortaleza de Sagres“ wurde im 15. Jahrhundert von Heinrich dem Seefahrer erbaut und von hier aus wurden die Seefahrten geplant. Von dem ursprünglichen Bau sind heute nur noch wenige Reste erhalten. Im Jahr 1928 machte man auf dem Gelände aber noch eine interessante Entdeckung: die steinerne Windrose „Rosa dos Ventos“. Sie hat einen Durchmesser von 43 Metern und ist in 32 Sektoren unterteilt. Wofür sie gebaut wurde, ist bis heute unklar, ob als Navigationshilfe, oder als Sonnenuhr. Auch wann sie erbaut wurde ist nicht datiert, eventuell hat Heinrich der Seefahrer in seiner Zeit den Bau veranlasst, wahrscheinlich ist sie aber erst später, im 16. Jahrhundert gelegt worden.
Der Eintritt lohnt sich, denn die Aussicht von der Spitze aus ist wirklich atemberaubend. Entlang der Steilküsten schweift hier der Blick nach Osten bis Lagos, nach Westen bis zum Cabo São Vicente. In jedem Fall lohnt sich vorher kein Hairstyling, denn der Wind zerzaust alles zur Sturmfrisur!
Auf dem Weg zum „Cabo São Vicente“, dem „wirklichen“ südwestlichsten Zipfel des Festlands, liegt der bei der Surf-Community sehr beliebte „Praia do Beliche“. Ein wahres Paradies für Wellenbegeisterte!
Sagres prahlt nicht mit Altstadtgässchen und Historie, der Ort glänzt mit der Vielseitigkeit seiner Landschaft, seiner Buchten und Strände und es ist eben diese Unaufgeregtheit, mit der es hier so herrlich lässig zugeht.

Cabo São Vicente – ab hier der Ozean

Es ist schon ein ganz besonderes Gefühl, wenn du weißt: ab hier kommt nur noch der Ozean. Als ob es von hier aus ins Leere und zugleich in die Fülle geht, ins Ungewisse und ins Vertraute und so gesehen geht es hier vorn auch in die Höhe und in die Tiefe. Der Leuchtturm ist magischer Anziehungspunkt für alle, die die Algarve entdecken und so treffen sich hier Wandernde vom Fischerpfad ebenso wie Tagesreisende von Lissabon und Lagos. Ob du die „Letzte Bratwurst vor Amerika“ essen möchtest, oder ein Freundschaftsbändchen kaufen willst- ein paar Buden und Stände verpassen diesem Ort ein buntes Treiben, das auf den kurzen Besuch, „mal da gewesen zu sein“, abgestimmt zu sein scheint.

Auf dem Fischerpfad – Wandern an der Steilküste

Im Süden die Algarve, im Westen der Alentejo- der Südwesten Portugals ist so vielseitig wie kaum eine andere Region Europas: Sumpfgebiete, Felsküsten, Dünen, Lagunen beherbergen in diesen beiden Küstenregionen eine reiche Artenvielfalt. Sie sind als geschützte Lebensräume im Naturreservat „Parque Natural do Sudoeste Alentejano e Costa Vicentina“ gut miteinander vernetzt und beherbergen unter anderem ein weitreichendes Wanderwegenetz: die „Rota Vicentina“. Ein regionaltouristisches, nachhaltiges Projekt, das Wanderbegeisterte auf insgesamt 750 km in Etappen von durchschnittlich 20 km Länge durch diese abwechslungsreiche Landschaft führt. Die Wege führen die Küste entlang, aber auch ins Landesinnere über die Felder der Hügellandschaft. Das Projekt bietet den Transport vom Zielort zum Ausgangspunkt oder umgekehrt ebenso wie Unterkünfte und Einkehrmöglichkeiten, um die Etappen als Mehrtagestour zu wandern. Es gibt die „Historischen Wege“, den „Fischerpfad“, und „Rundwege“. Entschleunigung? Neue Wege? Dann bist du hier genau richtig.
Wir stehen auf dem Campingplatz in Sagres, und von hier aus gehen gleich mehrere Etappen des „Fischerpfades“ los (oder enden hier, je nach Perspektive). Dieser zählt zu einem der spektakulärsten Küstenpfade Europas, und das zu recht. Immer am Atlantik entlang, immer an der Naht zwischen Land und Meer. Schroffe, wilde Klippen, jede Bucht eine neue Welt. Wir entscheiden uns für zwei Etappen:

  1. Etappe: Vila do Bispo – Sagres (20 km, 5,5 h)
    Wir fahren mit dem Bus von Sagres nach Villa do Bispo und steigen an der Haltestelle „Esquela“ aus. Zunächst geht der Weg über die Hügellandschaft durch Felder und Wiesen, entlang vieler Schafherden und Flächen mit einer spezifischen, endemischen Flora, deren lateinische Namen auf die Herkunft hinweisen (z.B. Brillenschötchen (Biscutella vicentina), Doppelsamen (Diplotaxis vicentina), Hyazinthen (Hyacinthoides vicentina). Auf Grund der weltweit einzigartigen Zusammensetzung dieser endemischen Arten ist der Naturpark ebenso als Biogenetisches Schutzgebiet erklärt worden. Der Weg führt weiter an die Steilküste und hier entlang lassen sich etwas Glück zwei weitere besondere Bewohner beobachten: weltweit einzigartig nisten hier Weißstörche in den Felswänden, und eine Otterkolonie hat sich hier das Meer als Nahrungsquelle ausgesucht.
    Über Cabo São Vicente geht es weiter nach Sagres, allerdings ab hier nur noch teilweise direkt an der Küste entlang, der meiste Teil führt entlang der Straße.
  2. Etappe: Carrapateira – Vila do Bispo (15,3 km, 4,5 h)
    Diese Etappe wird als die atemberaubendste beschrieben und tatsächlich kamen wir streckenweise aus dem Staunen nicht heraus. Tiefe Flusstäler haben sich hier in das Küstenplateau, in den Schiefer gegraben und das hat zur Folge, dass der Küstenpfad hier nicht nur immer wieder steil bergab in eine der einsamen Buchten, sondern natürlich auch wieder steil bergauf geht. Die Felsformationen, die Wellen, Wind und Sonne hier geschaffen haben, sind aber das wirkliche Highlight und in jeder Bucht bleiben wir stehen und sind ergriffen von der wilden Schönheit, der Wucht der Wellen, dem Reichtum der Natur. Wir sind im Frühling unterwegs, Schmetterlinge flattern um uns herum, die Blumen blühen (s.o.), und die Temperaturen sind mild.

Tipp

Wir empfehlen die 2. Etappe anders herum: Mit dem Bus von Sagres nach Vila do Bispo, mit dem Taxi von Carrapateira zurück nach Sagres.

Die Rota Vicentina – die Vereinigung zur Förderung des Natur-Tourismus an der Alentejo- und Vicentina-Küste ist eine gemeinnützige Organisation, wurde 2013 gegründet, um das Netz an Wanderwegen zu organisieren und mit dem Ziel zu betreuen, das Potenzial dieses Gebiets für eine Dynamik an nachhaltigem Tourismus zu erweitern und seine regenerativen Möglichkeiten zu fördern.

Hier kannst Du dem Partner-Netz beitreten und mithelfen, den Verein auszubauen – für Dich und für die Region.

Charlotte liebt Geschichten. Besonders solche, die eine Landschaft erzählt. Als Geografin entdeckt sie die Natur- & Kulturgeschichte einer Region, als Naturpädagogin ist es ihre Leidenschaft, Menschen dafür zu begeistern, zu sensibilisieren und zu bilden. Viele Jahre in der Umwelt- & Erwachsenenbildung sowie bei einem Reiseveranstalter für Fachgruppen-Reisen haben ihre Neugierde auf Neues, Kurioses & Regionaltypisches geschürt.

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