Es ist eine Zeitreise, die weltweit ihresgleichen sucht: eine mittelalterliche Stadt, umgeben von einer 3 km langen, doppelten Stadtmauer, 52 Türme, zwei Stadttore, eine Burg aus dem 12. Jahrhundert, Kopfsteinpflaster-Gassen. Innerhalb der Cité, wie die mittelalterliche Festungsstadt Carcassonne genannt wird, gehst du durch die verwinkelten Gässchen, staunst über die schiefen Dächer und auf der Festungsmauer lässt du deinen Blick über die sanften Weinberge des idyllischen Languedoc schweifen.
Von Carcassonne bis Avignon

Carcassonne – Eine Zeitreise ins Mittelalter
Schon von weitem fängt sie unseren Blick ein und schürt die Neugierde, endlich diese Stadt mal in echt zu sehen: wie oft haben wir mit den Kindern früher Carcassonne gespielt und sind in die Zeit des Mittelalters eingetaucht, während wir Ländereien besetzt, die Stadt erweitert und Wegelagerer besiegt haben?
Unser Stellplatz liegt nur 2 km von der Cité entfernt und so gehen wir gemütlich am Seitenarm der Aude, Carcassonne´s Lebensader, zur Festungsstadt. Von der Pont Vieux, der Brücke, die die Cité mit dem Stadtteil Bastide Saint Louis verbindet, hast du bereits einen tollen Blick auf die beeindruckenden Türme und Mauern der Festungsstadt. Wenn du dich vor der Erkundungstour noch etwas stärken möchtest, liegt die hübsche Rue Trivialle mit ihren Restaurants, Cafés und Bars genau auf deiner Route hoch zur Festung. Von hier aus gibt es die Möglichkeit, über die Église Saint-Gimer de Carcassonne durch die Porte de l´ Aude, oder über die Rue de Gustav Nadaud durch die Porte de la Narbonnaise in die Cité zu schreiten. Beide Stadttore sind beeindruckend und lassen dich ohne Eintritt jederzeit in die Stadt.
Und ab hier lässt du dich einfach treiben. Die Stadt ist in Teilen noch bewohnt, jedoch beherrscht das touristische Angebot mit Souvenirläden, Gastronomie, Ateliers und Boutiquen das lebhafte Gewusel in den Gassen. Und trotzdem: aus fast jeder Gasse ist mindestens ein Turm zu sehen, die hell gemauerten Häuser mit urigen Holzbalkonen und die kleinen lauschigen Plätze sorgen dafür, dass die Zeitreise in das Mittelalter gelingt.
Und das wiederum ist einem Mann zu verdanken: Eugène Viollet-le-Duc. Im Jahr 1852 begann der Architekt und Denkmalpfleger damit, die bereits über die Jahrhunderte verfallene Stadt zu restaurieren. Die Instandsetzung dauerte über Jahrzehnte an, und auch nach den beiden Weltkriegen wurde die Festungsstadt immer weiter restauriert, bis sie schließlich 1997 von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt wurde. Zu recht: Die 2500 Jahre alte Geschichte von Carcassonne ist bewegt. Die Stadt stand unter römischer, westgotischer, sarazenischer und katharischer Herrschaft und nahm als Grenzstadt zu Aragón bis in das 17. Jahrhundert eine wichtige strategische Position ein. Danach verfiel die Stadt teilweise bis auf die Grundmauern.
Ein zentrales Bauwerk innerhalb der Stadt ist das Château Comtal, das im 12. Jahrhundert von den Vizegrafen Carcassonnes, den Trencavel, erbaut wurde. Der Besuch mit Eintritt lohnt sich auch insofern, als dass von hier aus, und zwar NUR von hier aus, der Rundgang auf der Festungsmauer einmal um die Cité herum möglich ist. Und wo bekommt man schon mal die Gelegenheit, auf 3 Kilometern ohne Unterbrechung eine historische Stadtmauer entlang zu laufen? Von hier oben ist der Blick auf das Innere der Stadt im wahrsten Sinne erhabend, und bei jedem neuen Abschnitt, nach jedem Türmchen, bietet sich auch in die Landschaft des Languedoc ein atemberaubender Ausblick. Es geht treppauf und treppab, durch die Türme hindurch, und immer wieder bleibst du stehen, wendest deinen Blick in die Cité: idyllische Hinterhofgärten, stilvoll gestaltete Terrassen der Cafés und Restaurants. Der Blick nach außen schweift bis zu den schneebedeckten Pyrenäen und bleibt vorher an den sanften Hügeln der Weinberge, den alten Weingütern, und den Zypressen hängen. Ein Bilderbuchpanorama.

Tipp
- Ebenfalls im 12. Jahrhundert wurde die Bastide Saint Louis gegründet, auch Unterstadt genannt. Dies ist die Stadt Carcassonne, in dem das heutige, alltägliche Leben stattfindet. Mit seinem Hafen am Canal du Midi, den farbenfrohen Häusern und lebhaften Plätzen lässt sich hier wunderbar das Savoir Vivre Südfrankreichs erschnuppern.
- Der Eintritt zur Burg im Inneren der Cité ist vorab online buchbar und mit Zeitfenstern versehen. Also rechtzeitig buchen!
Bages: Flamingos und andere Künstler
Okzitanien´s Küsten sind mit den Étangs, den Lagunen und Nehrungen, und der Camargue wertvolle Lebensräume für Wasservögel, Insekten, und Greifvögel. Und natürlich für die berühmten Pferde, aber wir haben es vor allem auf eine Spezies abgesehen, die uns schon immer faszinierte. Die etwas kann, was wir Menschen nicht gut können. Und wenn, dann sieht es längst nicht so grazil und kunstvoll aus, wie bei ihnen. Wir möchten den Flamingos beim Einstand zuschauen.
Nur etwas mehr als 60 Kilometer von Carcassonne in Richtung Küste liegt der Parc naturel régional Narbonnaise en Méditerrannée: ein Lebensnetz aus Lagunen, Feuchtwiesen, natürlichen Uferbereichen, vorgelagerten Dünen und Stränden. Wir steuern Bages an, ein kleines, malerisches Dörfchen direkt an der Lagune. Das kleine Fischerdorf hat sich die traditionelle Fischfangmethode bis heute bewahrt. Netze hängen zum Trocknen im kleinen Hafen, Boote schaukeln leicht im Wind, und im seichten Wasser stehen Befestigungspfähle für die Netze, mit denen der Europäische Aal, Doraden etc. gefangen werden.
Wir besuchen über France Passion, einer Plattform für private Stellplätze, einen Winzer und bevor wir zur Weinprobe eingeladen werden, beobachten wir vom Camper aus bereits die Flamingos. In der goldenen Abendsonne glitzern die glatten Wasserflächen nochmal intensiver, die Farben, alles ist intensiver, auch die Stille. Sie wird nur von den schrillen Mücken durchkreuzt. Am Morgen ist die Stille noch immer da, denn nach Bages führt nur eine einspurige Straße. Wir müssen nicht lang gehen, um die rosa- weißen, schönen Flamingos bei ihrem Frühstück beobachten zu können. Stundenlang könnten wir ihnen dabei zusehen, wie sie auf einem Bein stehen, ohne, dass wir selbst dabei umfallen. Diese Stille ist schon fast laut, und diese Tiere sind so in ihrem Tun: es gibt nichts anderes zu tun. Das tut uns gut, und bringt uns ebenso in einen fast meditativen Zustand.
Ein Gang durch Bages ist beinahe ebenso: etwas verschlafen wirkt der Ort, und die Lage am Hang, am Étang, bringt eine entspannende Gemächlichkeit mit sich. Die Atmosphäre ist auch inspirierend, denn hier haben sich einige Kunstschaffende niedergelassen. Definitiv bringen wir das nächste Mal mehr Zeit mit, um uns hier in der Zeit zu verlieren



Camping Lou Vincen
Unsere Route führt uns weiter in Richtung Norden und wir möchten Avignon ansteuern. Aber vorher ist uns nach einem lauschigen Plätzchen am Wasser und mit Wasser und auf diesem Campingplatz 20 Kilometer südlich von Avignon finden wir genau das: ein kleiner Platz am Fluss (die Rhône) und am See, mit kleinem Pool, aber vor allem: sehr liebevoll im Boho-Style gestaltet, der Spielbereich kreativ und mal nicht mit dem üblichen Schaukelgerüst (dafür eine Hängematte) gestaltet, das Restaurant mit leckeren Speisen und dezenter, stimmungsvoller Abendbeleuchtung und sympathische Betreiberinnen obendrein. Obwohl die Plätze nicht direkt am Ufer liegen, ist die gemächlich dahin fließende Rhône deutlich spürbar. Die ruhige und entspannte Atmosphäre auf dem Platz ist Gold wert, wo es doch andernorts wesentlich anonymer, lauter und rücksichtsloser zugeht. Ein echtes Highlight für uns, sogar mit etwas Urlaubsfeeling!
In dem kleinen Ort Vallabrègues gibt es einen Dorfplatz mit Bar, Café und Platanen, hier trifft man sich und plaudert. Irgendwie so richtig südfranzösisch.

Avignon: mehr als Brücke und Papstpalast
Natürlich kannst du in Avignon auf die mittelalterliche Brücke Saint-Bénezet gehen, das Lied singen und dabei Fotos von dir machen. Du kannst auch bis vorn hin gehen, wo die Brücke plötzlich wie abgeknabbert im Flußbett aufhört, weil sie nach etlichen Überschwemmungen und Flutkatastrophen seit dem 17. Jahrhundert nicht wieder repariert wird. Der Blick von hier auf die Stadt ist schön, aber das gegenüberliegende Ufer bietet dir eine weitaus beeindruckendere Panoramaansicht. Vor allem abends, wenn die Stadt angeleuchtet und die südfranzösische Abendsonne ihr warmes, goldenes Licht erstrahlen lässt. Für die Brücke müssen Tickets gekauft werden, die entweder online, oder beim Tourismusbüro direkt an der Brücke erhältlich sind.
Du kannst natürlich auch den Papstpalast besuchen, das größte gotische Bauwerk des Mittelalters und Residenz der christlichen Macht des Westens im 14. Jahrhundert. Immerhin haben hier in der Zeit von 1305 bis 1429 neun Päpste residiert. So symbolisch dieses Bauwerk als Machtdemonstration erbaut wurde, ist es auch heute noch ein riesiger, beeindruckender Bau, vor dem man sich automatisch klein und unbedeutend fühlen kann. Die Gärten des Papstpalastes können ebenfalls gegen Eintritt besichtigt werden und lohnen einen Besuch.
Rundum den Palast spielt sich das lebhafte Treiben mit Restaurants, Cafés und Geschäften ab. Am Place de l´ Horloge dreht ein nostalgisches Karussell seine Runden, und in den Straßen der Fußgängerzone reihen sich Boutiquen und Modegeschäfte aneinander. Interessant wird es in dem Bereich, der südöstlich an den Palast angrenzt. Hier, in den Gassen, kannst du nach Herzenslust schlendern und dich von dem lässigen Savoir Vivre anstecken lassen. Es sind die kleinen Plätze, die sich nach einer Biegung so lauschig und unaufgeregt hervor tun und dich mit dem Charme der umliegenden Häuser ständig zu einem Café oder einem Glas Wein einladen. So zum Beispiel der Place des Châtaignes, oder der Place Saint-Pierre.
Für ein bisschen Flair der Kunst- und Kulturszene liegt das Cinéma Utopia etwas versteckt und direkt hinter dem Palast im Cours Maria de Casarès. Roter Samt, goldene Verzierungen und französisches Kino: als wärst du selbst in einem französischen Film, kannst du hier drinnen und draußen essen, trinken, plaudern. Ganz großes Kino!
Was aber wirklich eine Entdeckung in Avignon ist: die Bains Pommer! Diese historische Badeanstalt sucht ihresgleichen und ist doch keine Seltenheit in größeren europäischen Städten des späten 19. Jahrhunderts – tatsächlich jedoch in Frankreich einzigartig. Im Jahr 1888, als es noch kein fließendes Wasser in den Städten gab, geschweige denn, dass sich die meisten Menschen keine Badewanne oder Dusche leisten konnten, hatte Auguste Pommer eine geniale Idee. Der Heizkesselbauer errichtete ein Haus im Belle-Epoque-Stil mit insgesamt 31 Badewannen und Duschen, jeweils als Kabinen und kleine Badezimmer. Es wurden Schwefel- und Kleiebäder bei Haut- und Atemwegserkrankungen angeboten, das Duschen und Baden aber auch einfach als Hygieneanwendung gern in Anspruch genommen.
Sobald du die Pommer-Bäder betrittst, tauchst du in die Welt der Belle-Epoque ein, denn alles scheint, als wäre es im Jahr 1972, als das Badehaus seine Türen schloss, einfach so verlassen worden. Hinter den alten Glasvitrinen liegen die damaligen Kosmetik- und Hygieneartikel, im Kassenbereich fehlt eigentlich nur die Dame im Kittel und schreitest du die herrschaftliche Treppe aus Walnussholz hinunter, wünschst du dir, gleich in so eine hübsche Badewanne aus dem 19. Jahrhundert gleiten zu können. Die kleinen Kabinen und Badezimmer sind mit floralen Fliesen verziert, und im Privatbadezimmer eines hohen Herren der Stadt liegt noch der Rasierpinsel am Waschbecken.
Ein Juwel der Pommer-Bäder ist aber der Garten. Im Innenhof des Hauses wachsen Heilpflanzen, steht noch eine große, verlassene Vogelvoliere im französischen Stil und gerade bei sommerlicher Hitze ist es ein erholsames, kleines Refugium, sich hier einen Moment lang aufzuhalten. Innezuhalten, und sich die Szenerie von damals hier vorzustellen. Man wandelte, wie heute im Saunagarten, zwischen den Anwendungen an frischer Luft zwischen lebendigem Grün.
Der Eintritt ist kostenlos.
Übernachten
Links & Rechts
Tourismusarmband
Informationen
Charlotte liebt Geschichten. Besonders solche, die eine Landschaft erzählt. Als Geografin entdeckt sie die Natur- & Kulturgeschichte einer Region, als Naturpädagogin ist es ihre Leidenschaft, Menschen dafür zu begeistern, zu sensibilisieren und zu bilden. Viele Jahre in der Umwelt- & Erwachsenenbildung sowie bei einem Reiseveranstalter für Fachgruppen-Reisen haben ihre Neugierde auf Neues, Kurioses & Regionaltypisches geschürt.
