Vertrautes

Das Vertraute hat so viele Facetten. Vermutlich so viele, wie das Facettenauge einer Libelle. Und die können ihre Welt nicht nur extrem facettenreich betrachten, sondern leben je nach Alter auch noch zuerst im Wasser, und zwei Jahre später in der Luft. Und das auch noch mit wunderschön schimmernden Flügeln, anmutig und elfengleich. Sie sind damit für mich wahre Lebenskünstler. Sie schaffen es, ihr Leben mindestens einmal komplett auf den Kopf zu stellen: eine andere Welt zu bewohnen, völlig andere Dimensionen ihrer Umwelt zu erkunden, und vom Schwimmen ins Fliegen zu kommen. 

Nun sind wir vom Sesshaften ins Reisende gewechselt und das fühlt sich auch schon an wie eine Metamorphose. Gewissermaßen sind mir mit der Zeit Flügel gewachsen, auf die ich vertrauen kann. Die auch so schön durchsichtig sind. Sie schimmern oft schon zart, wenn auch noch nicht elfengleich, und dafür bin ich dankbar. Beim Reisen suche ich oft das Vertraute. Etwas, das so aussieht wie. Das so schmeckt wie. Das so riecht wie. Etwas Vertrautes zu hören oder zu lesen, eine Nachricht von meinem Bruder, ein Telefonat mit meiner Tochter, oder ein Videocall mit meinen Freundinnen ist da noch sehr viel mehr greifbar, sie sind zum Greifen nahe! Dabei ist es ja noch nicht einmal so, dass es vertraute Stimmen oder Worte sind. Das Vertrauen ist da, dass sie da sind, egal wo ich bin. Die Menschen, die mich begleiten in meinem Leben, das jetzt Flügel bekommen hat.

Wo mir das Vertraute mit so vielen schönen Erinnerungen und Erlebnissen so unverhofft begegnete, war in Carcassonne. Wir sind von unserem Stellplatz aus an einem Seitenarm der Aude entlang geschlendert und waren voller Vorfreude auf diese Bilderbuch-Mittelalterstadt, als ich plötzlich abrupt stehen blieb. Ich roch Vertrautes. Blumig, süß, umwallend. Und dann kam auch schon mein Juchzer: Holunderblüten! Ein kleiner Hüpfer, ein kleines Freudentänzchen und da sah ich sie. Diese unfassbar hübschen, weißen, kleinen, fragilen Blüten in großen, angeberischen Dolden. Was für ein Fest für meine Sinne, daran zu riechen, nach all der Zeit auf der Iberischen Halbinsel, auf der ich den Frühling, wie ihn mit Buschwindröschen, Bärlauch und Waldmeister kenne, in diesem Jahr nicht erlebt habe (dafür den Nickenden Sauerklee). Also quasi einen vertrauten Frühling ausgesetzt habe. Und das, wo ich ein Frühlingskind bin. 

In Freiburg machten wir unsere erste Station zurück in Deutschland. Auf dem Campingplatz wuchsen viele Holunderbüsche und ich konnte einfach nicht mehr anders: Holunderblütenküchle! Was für ein Genuss, dieses unschlagbar blumige Aroma im Pfannkuchen zu essen. Ich habe immer viele Holunderblüten verarbeitet: Sirup, Gelée, die Hollerküchle gemacht. Wie oft war meine Nasenspitze gelb vom Blütenstaub. Aber das Sammeln, das Losgehen mit meinem Sammelkörbchen zu den vertrauten Plätzen, um zu schauen, wie weit sie schon sind, war immer das Schönste. Es ist ein Ritual. Es ist Vertrautes. Und das geht auch unterwegs. 

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