Mehr Social weniger Media

Vor 16 Jahren, also 2010, bin ich Facebook beigetreten. Gesichtsbuch wurde es damals in meiner Umgebung genannt. Davor hatte ich über viele Jahre eine MySpace-Seite. Angelegt habe ich sie, um meine eigene Musik damit zu verbreiten. Auslöser war der Release meines Albums „Blastula“. Das war 2008. Die Oberfläche ließ sich in Maßen editieren, so dass mehr oder weniger persönlich angepasste, digitale Steckbriefe entstanden. Zum Webdesign bin ich bereits 1999 gekommen. Damals noch sehr rudimentär mittels HTML-Editoren. Die MySpace-Seiten sahen auf jeden Fall cooler aus, waren leichter zu erstellen und man konnte sich mit anderen Menschen vernetzen. Ich hatte auch recht zu Beginn einen Account im Second Life, einer Plattform auf die damals sehr viel gesetzt wurde. Viele Firmen hatten eine digitale Filiale im Second Life, einer Art Online-Spiel. Ich konnte mit meinem Character durch die Stadt streifen, in Parks gehen oder digitale Discos besuchen und dort andere Character treffen, gemeinsame Musik hören, um außerhalb unserer Dachgeschosswohnung am sozialen Leben teilzunehmen. Also dem digitalen, sozialen Leben.

Facebook war damals auch cool. Viele Freunde und Freundinnen waren dort. Von früher, aus der Schulzeit oder noch weiter zurück. Menschen die weggezogen sind, konnte man lose im Auge behalten. Was sie so machen, wie sie am Strand aussehen und was sie gerade Esse. Sein Essen zu fotografieren und zu posten war bereits enorm beliebt.

Für unsere Band war Facebook damals essentiel notwendig. Ohne Facebook-Seite war es quasi unmöglich an Auftritte zu kommen geschweige denn, Kontakt mit Agenturen aufzunehmen. Die Möglichkeit, Veranstaltungen zu erstellen und Leute dazu einzuladen war als Werbemaßnahme deutlich erfogreicher, als Flyer auszulegen oder Plakate aufzuhängen.

Irgendwann hat die Verlässlichkeit der im Facebook zugesagten Teilnehmenden keine Übereinstimmung mehr mit der Realität ergeben. Haben in der FB-Veranstaltung noch gut 1000 Menschen auf „nehme teil“ geklickt, konnte man froh sein, wenn wenigsten 10 davon am Abend tatsächlich kamen. „Nehme teil“ war zu der Zeit eine Frühform von „gefällt mir“ geworden. Absolut nichtssagend.

Facebook nutzt das ganz bewusst, um Unruhe zu stiften und Falschmeldungen verbreiten zu lassen. Ungefiltert, unkommentiert und unkontrolliert.

Es folgte ein schleichender Wechsel vom sozialen Netzwerk zum heutigen, asozialen Netzwerk. Veranstaltungen zu erstellen brachte gar nichts mehr, irgendwann wurde das Feature auch eingestellt. Stattdessen entwickelte sich ein Trend, alles mögliche zu kommentieren. Egal, ob mit dem Kommentar auf die ausgehende Frage eingegangen oder inhaltlich etwas zum Diskurs beigetragen wurde. Hauptsache kommentieren. Die Tugend der Höflichkeit im menschlichen Umgang wurde durch das anonyme, digitale Schutzschild immer durchlässiger. Mittlerweile gibt es kein Halten mehr. Beleidigungen und eine aggressive Kommunikationsform sind heute Standard. Begleitet von Rechtschreibfehlern und grammatikalischer Fantasie. Was zählt sind Extreme und Superlative. Unglücke, Katastrophen und menschliche Schicksale. Alles zählt die Klicks nach oben. Facebook nutzt das ganz bewusst, um Unruhe zu stiften und Falschmeldungen verbreiten zu lassen. Ungefiltert, unkommentiert und unkontrolliert.

Bisher habe ich meinen Account weiterhin genutzt, um mich in Gruppen über meine Interessengebiete auszutauschen. Die klassischen Foren von 1999 werden leider immer weniger. Auch für unsere Reiseberichte und Reisevideos war Facebook immer eine gute Verbreitungsplattform. Seit wir unsere Inhalte dort nicht mehr teilen, sind die Aufrufzahlen der Videos und die Aufrufe unserer Blogartikel dramatisch nach unten gegangen. Für die Vergütung nach der VG-Wort erreichen wir nun nicht mehr annähernd die notwendigen Zahlen.

Der weitere Ablauf wäre komplett gleich: Irgendwas Tippen, noch ein Foto, paar Hashtags: Senden. Super einfach!

Im Januar haben wir einen Account bei Mastodon erstellt und posten nun darüber unsere Inhalte. Leider mit sehr mäßigem Erfolg, da wenige Menschen bereit sind, gewohnte Netzwerkstrukturen zu verlassen und ein unabhängiges, dezentrales Netzwerk ohne Algorithmus und ohne Werbung zu nutzen. Würden alle Politiker und Politikerinnen im Land ihre Inhalte auf Mastodon posten und nicht mehr auf X, würden alle Medienanstalten ebenfalls wechseln. Danach würden die Menschen folgen, die den Medienanstalten folgen. Es wäre ganz einfach. Sie müssten nur eine andere App auf ihrem Smartphone öffnen, der weitere Ablauf wäre komplett gleich: Irgendwas Tippen, noch ein Foto, paar Hashtags: Senden. Super einfach!

Nach 16 Jahren habe ich meinen Facebook-Account gelöscht. Facebook gibt mir vier Wochen Zeit, meine Entscheidung zu überdenken. Dann werden alle Daten entgültig gelöscht. Sagen sie. Hoffentlich halten sie sich auch daran.

Meinen Instagram-Account habe ich ebenfalls gelöscht. Whatsapp nutze ich nur noch mit den hartnäckigsten Freunden (Los! Wechselt endlich! Signal, Telegram, Threema, SMS …).

Unseren gemeinsamen Instagram-Account betreiben wir aktuell noch. Mit Bauchschmerzen und aus Angst, dann gar keine Reichweite mehr zu haben. Dabei sind uns die Inhalte eigentlich viel lieber als die Reichweite.

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