Bei unserem neuerlichen Stop am Hildesheimer Hohnsensee saß ich an einem lauschigen Sommerabend am Ufer und bestaunte die Fledermäuse. Sie jagen in einem Affenzahn und mit Schallgeschwindigkeit durch die Abendluft und das in Scharen, ohne dass sie dabei zusammenstoßen. Sie streifen sich nicht einmal. Und die Mücken, die sie jagen, tun das auch nicht. Sie bewegen sich in der Luft, wir uns halt am Boden. Sie da oben, wir da unten. Beide leben wir in einem Schwarm, der Sicherheit und Verlässlichkeit gibt und dem es gleichzeitig auszuweichen gilt. Jedenfalls ist bei Fledermäusen nicht von softem „durch die Luft gleiten“ oder Schweben die Rede. Schon allein vom Zugucken bekomme ich Herzrasen, und mir wird schwindelig.
Anders dagegen die Bonbons am Himmel vom Lac d´Annecy im Haute Savoie, unweit des Genfer Sees. Für sie scheint dort oben die Zeit still zu stehen. Getragen allein durch die bewegte Luft, gleitend, lautlos, zeitlos, ohne doppeltem Boden. Sie haben etwas farbenfroh Erhabenes, über den Dingen schwebendes, und bestimmt sehen sie mehr als den Horizont: Den schneebedeckten Mont Blanc und seine majestätischen Gefährten mit ihren versteckten Seitentälern? Den Lac d´Annecy in seinem unfassbar türkisfarbenen Blau? Ein Sprung aus fast 1.400 m Höhe, direkt in die Thermik, ohne Gehäuse, ohne Motor, und dein Leben legst du für 45 Minuten in die Hände eines dir unbekannten Menschen. Würdest du?
Ich bin ein erdverbundenes, bodenständiges Wesen. Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach. Und seit der Geburt unserer Tochter wird mir auf dem Dreier im Freibad gefährlich schwindelig, wo ich früher heidiwitzka und holladiewaldfee runtergejohlt bin. Ich bin vorsichtiger geworden, achtsamer, ehrfürchtiger vor dem Leben, vor mir. Aber auch „vernünftiger“? Kenne ich meine Grenzen, um meinen Mut auszuhalten? Seitdem wir unterwegs sind, lerne ich sie jeden Tag immer wieder kennen und ja, sie haben sich gehörig in die Weite verschoben. Zum Glück! Es ist wie mit der berühmten Treppe: hast du die erste Stufe genommen, kannst du auch die nächste gehen, und noch höher und noch weiter. Und wenn du oben angekommen bist, gehst du ebenso achtsam wieder runter. Übermut kommt halt vor dem Fall.
Aus der Luft gegriffen war meine Entscheidung, den Tandem-Paragliding-Flug am Lac d´Annecy zu buchen, also definitiv nicht. Aber bestimmt waghalsig. Bei meinem ersten Flug ist es bei uns unten am See schwirrende 36 Grad heiß, blanker Himmel, aus meiner Sicht bestes Flugwetter. In den Serpentinen rauf zur Absprungkante am Col de la Forclaz sagt ein Pilot, dass die Thermik heute schon heftig sei, aber „No problem“. Der Boden heizt sich sehr stark auf, so dass der Temperaturunterschied zu den mittleren und höheren Luftschichten sehr groß ist. Das bedeutet starke Thermik mit vielen plötzlichen Luftlöchern und starken Aufwinden. Als wir mit dem Shuttle-Transporter an der Absprungkante ankommen, steht da ein Notarztwagen und ein Gleitschirm hängt in der Tanne. Mir entgleist der Blick, aber der Pilot meint nur lachend: „No no, don´t worry, it´s just a christmastree!“ Sarkastisch auf all diejenigen Soloflieger, die noch am Anfang ihres Flughobbys sind und die chaotische Kraft der Thermik unterschätzen. Scheint öfter vorzukommen, aber er ist doch bestimmt ein alter Hase, …oder? Seit 14 Jahren, sagt er und auf La Réunion, in Kolumbien, aber am schönsten sei es hier.
Ja ach kuck, ok, klar, ist doch schön.
Es wurde, neben dem Heiratsantrag meines Liebsten und der Geburt unserer Tochter, für mich das tiefste Erlebnis bis hierher. An der Kante kam mir der „Wenn es das jetzt war, hatte ich ein tolles Leben“- Gedanke und spätestens da war ich mir darüber bewusst, dass ich meinen Mut werde aushalten können, denn anders wird das hier gleich nicht funktionieren. Und schreien geht ja auch noch. Der Pilot kennt das ja. Er hätte sogar eine Tüte dabei gehabt. Die brauchte ich zum Glück nicht, obwohl mein Magen mehr als irritiert war.
Glück, Angst, Frieden, Weite, Leichtigkeit, Loslassen, und dazu noch das ständige und plötzliche Hoch und Runter hat alles an Adrenalin, Endorphinen und viele andere -inen ausgeschüttet, was ging. Die riesigen Alpen mit ihren Schneekappen, in die grenzenlose Weite, in die saugende Tiefe schauen. Das geht am Boden nicht.
Für den Rest des Tages war ich komplett hinüber, ich konnte buchstäblich nicht wieder geradeaus gucken. Die Welt drehte sich nachts noch. Aber schon am nächsten Tag wanderten wir an der Absprungkante vorbei, und mir war klar: Ich will nochmal.
Der zweite Flug war das Gleiten. Das Schweben. Kein Wind, absolute Stille, Ruhe. Alle Zeit der Welt und alles steht still. Genauso habe ich es mir gewünscht. Danach ging es mir blendend, und das ist tatsächlich aus der Luft gegriffen.














